X7 Wir schreiten nicht Seit an Seit mit Nazis

AntragstellerInnen: Hessen-Nord

Wir schreiten nicht Seit an Seit mit Nazis

Der Bundeskongress möge beschließen:

Das Lied “Wir schreiten Seit an Seit“ von Hermann Claudius wird bei keiner unserer Veranstaltungen mehr gesungen. Es wird nach einer Alternative gesucht.

Begründung:

Hermann Claudius war unter anderem als freier Schriftsteller tätig und erlangte hierüber Bekanntschaft. Seine frühen Werke sind der Arbeiter*innendichtung zuzurechnen.

Während des Ersten Weltkriegs schrieb er kriegsbegeisterte, nationalistische Gedichte. In der Weimarer Republik engagierte er sich zunächst in der Jugendarbeit der SPD und in den sozialdemokratisch geführten Gewerkschaften, schrieb sozialdemokratische Lieder und Stücke. Seine politische Haltung wandelte sich im weiteren Verlauf jedoch grundlegend zum Nationalismus. Claudius veröffentlichte im völkischen Verlag Albert Langen-Georg Müller.

Er wurde Mitglied in der nationalsozialistisch ausgerichteten, von Börries Freiherr von Münchhausen seit Beginn der 1930er Jahre betriebenen und gegen die Sektion für Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste gegründeten Deutschen Dichterakademie.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialist*innen und ihrer deutschnationalen Bündnispartner* innen wurden die liberalen, linken und jüdischen Mitglieder der Sektion Dichtkunst in der Preußischen Akademie der Künste, wie z.B. Heinrich und Thomas Mann, Käthe Kollwitz, Leonhard Frank oder Ricarda Huch, zum Austritt gezwungen. Zu den Neumitgliedern, die an ihre Stelle traten, gehörte unter anderem Hermann Claudius.

Er war einer der 88 deutschen Schriftsteller*innen, die 1933 das Gelöbnis treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler unterzeichneten. Hermann Claudius war Vorstandsmitglied des 1936 gegründeten Eutiner Dichterkreises, einer der bekanntesten Autorengruppen im nationalsozialistischen Deutschland. Er nahm 1934 außerdem an den "Lippoldsberger Dichtertagen" konservativer, völkischer und nationalsozialistischer Autor*innen Teil. Seine Veröffentlichungen im Nationalsozialismus bewegten sich zwischen pathetischer Frömmigkeit und klarer literarischer Unterstützung des NS-Regimes, so zum Beispiel in einem Gebet für Adolf Hitler, welches 1940 unter dem Titel Deutschland: „Herrgott steh dem Führer bei,/Daß sein Werk das deine sei“ erschien. Seine Texte erschienen aufgrund ihres propagandistischen Werts in der Krakauer Zeitung, dem führenden NS-Organ, hier war Claudius mit mehr als 50 Texten vertreten.

Nach dem Ende des Nationalsozialismus beteiligte sich Claudius erneut an den von Hans Grimm 1949 wiederbegründeten Lippoldsberger Schriftsteller*innentreffen. Mit dabei waren vor allem NS-belastete Autor*innen wie Wilhelm Pleyer oder Will Vesper, „die den Nationalsozialismus im Rückblick rechtfertigen“ wollten.

Hermann Claudius wird von der seriösen Literaturkritik und Literaturwissenschaft, außer im Kontext von „Literatur im Nationalsozialismus“, nicht weiter rezipiert. Alte und neue Texte fanden kaum mehr Verleger, positiv gewürdigt wurde er nach 1945 jedoch weiterhin regelmäßig von rechtsradikalen Medien und Autor*innen, im rechtsextremistischen Milieu findet er noch heute Beachtung.

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Änderungsanträge zu X7

Nr Zeile AntragstellerInnen Text Begründung Status
X7_Ä2 1 Bayern

Ersetze Zeile 1 bis 3 durch:

Der Bundesverband der Jungsozialist*innen in der SPD möge darauf hinwirken, dass die Sozialdemokratische Partei Deutschlands folgende Beschlüsse fasst:

  1. Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands erkennt die Notwendigkeit der Aufarbeitung geschichtlicher Ereignisse und deren Einfluss auf die Arbeiter*innenbewegung, deren Teil die SPD ist.
  2. Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands verpflichtet sich, Strukturen, handelnde Personen und kulturelles Erbe in einen historischen Kontext zu setzen und auch unter ihren Mitgliedern eine Sensibilisierung für Themen insbesondere im Zusammenhang mit dem nationalsozialistischen Erbe von Mitgliedern oder nichtmateriellem Erbe der Partei sicherzustellen.

Hierfür soll eine Kommission eingesetzt werden, deren Ergebnisse allen Mitgliedern der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands zur Verfügung gestellt werden. Die Landesverbände sind dazu angehalten in geeigneter Weise innerhalb ihrer politischen innerparteilichen Bildungsarbeit angemessene Möglichkeiten zur Sensibilisierung der Mitglieder zu schaffen.

X7_Ä9 2 Nordrhein-Westfalen

Ersetze auf S. 379 in Z. 2 „bei keiner unserer Veranstaltungen mehr gesungen“ durch „nicht mehr zum Abschluss von Parteitagen gesungen.“.

X7_Ä7 3 Hannover u.a.

Ersetze in Z. 3 „Es wird nach einer Alternative gesucht.“ durch „Stattdessen fordern wir das gemeinsame Singen der Internationalen, insbesondere auch auf SPD-Parteitagen wiederzubeleben.“

X7_Ä3 4 Bayern

4. Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands beschließt die Annahme des Liedes „Die Internationale“ als offizielle Hymne der Partei. Diese wird als Versinnbildlichung der Ideale der Partei zum Abschluss von Parteitagen, Kongressen und vergleichbaren Veranstaltungen an Stelle des bisherigen „Wann wir schreiten Seit an Seit“ gesungen.

X7_Ä8 4 Hannover u.a.

Füge in Zeile 4 ein:

Die Entscheidung fällt unter anderem auf Grundlage folgender Quellen:

Ernst Klee, Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945, Frankfurt am Main 2007.

Andreas Stuhlmann, Herman Claudius: zwischen Anpassung und Opportunismus, in: Dirk Hempel, Hans-Ulrich Wagner (Hg.), Das literarische Feld in Hamburg 1933-1945, Hamburg 2012, S. 227-246.

http://www.hermann-claudius.de/index.php?menuid=9&reporeid=43&getlang=de

Das „Gelöbnis treuester Gefolgschaft“, dass Claudius im Oktober 1933 unterzeichnet haben sollen findet sich u.a. online hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Gel%C3%B6bnis_treuester_Gefolgschaft#/media/File:Gel%C3%B6bnis_treuester_Gefolgschaft_1933-10-26.jpg

X7_Ä6 5 Nordrhein-Westfalen

Streiche auf S. 379 in Z. 5 „Begründung“.

X7_Ä4 37 Bayern

Ergänze nach Zeile 37 neuer Absatz nach „…noch heute Beachtung.“

Hermann Claudius ist Schöpfer des Liedes „Wann wir schreiten Seit an Seit“. Dieser kurze biographische Umriss zeigt beispielhaft seine Verflochtenheit mit dem Nationalsozialismus. Als Teil der Arbeiter*innenbewegung ist es nicht nur unsere Aufgabe, diese zu bewahren, sondern sich mit ihrem Erbe im historischen Kontext kritisch auseinanderzusetzen und Mitglieder unserer Partei entsprechend zu sensibilisieren. Als internationalistischer und antifaschistischer Verband und Partei ist es unsere Verpflichtung, uns mit den Berührungspunkten des Nationalsozialismus mit der Arbeiterbewegung zu auseinanderzusetzen und zur Aufklärung unserer Mitglieder beizutragen um einen aufgeklärten Umgang mit unserer Geschichte zu pflegen und bei Notwendigkeit Konsequenzen für unser Handeln abzuleiten.

X7_Ä1 Titel Bayern

Ersetze Titel durch: Für eine historisch-kritische Auseinandersetzung mit dem Erbe der Arbeiter*innenbewegung in der SPD