P7 Alkohol ist das Schiff, mit dem du untergehst

In der Bundesrepublik weisen rund 1,7 Millionen Menschen eine behandlungsbedürftige Alkoholabhängigkeit auf, rund 74.000 sterben jedes Jahr an den Folgen des Alkoholmissbrauchs, 5-10% davon durch Suizid. Die Alkoholabhängigkeit ist also eine schwere und häufige Erkrankung, deren Prävention deshalb zentrales Ziel sein muss. Gleichzeitig ist der Alkoholkonsum ein kulturell verankertes Verhalten, sodass der grundsätzliche Umgang mit Alkohol keine rein therapeutische Frage (bei Erkrankten) ist, sondern eine gesamtgesellschaftliche Debatte erfordert. Wir verstehen die freiheitliche Entscheidung der*des Einzelnen für oder gegen den Konsum von Drogen als beste Prävention von Kriminalisierung und gesundheitlichen Gefahren durch (potentiell) suchtauslösende Substanzen. Gerade deshalb muss dieser Anspruch auch in Bezug auf kulturell häufig konsumierte Suchtstoffe gelten: Die Freiheit zum Alkoholkonsum wird in Deutschland wie in fast keinem anderen Land der Welt gewährt (sogar das Führen von Kraftfahrzeugen bleibt bei geringen Blutalkoholkonzentrationen erlaubt), doch ebendiese „Liberalität“ impliziert einen enormen Zwang zum Konsum. Dieser Zwang entsteht auf mehreren Ebenen, beginnend mit der Peer-Group und endend mit überdimensionalen Werbeplakaten an nahezu allen öffentlichen Plätzen – Konkurrenz macht hier nur die Tabakindustrie. Ziel einer progressiven und emanzipatorischen Drogenpolitik muss es deshalb sein, den Menschen die Entscheidung über den Konsum von Alkohol wirklich selbst zu überlassen.

Prävention beginnt auf der Straße und im Netz

Die Werbeausgaben für alkoholische Getränke in Deutschland lagen 2017 bei 619 Millionen Euro. Dieses Geld wissen die Alkoholproduzent*innen gut angelegt: Werbung (Außenwerbung und Fernseh-Werbung) für Alkohol erhöht die Wahrscheinlichkeit, mit schädlichem Alkoholgebrauch zu beginnen und erhöht bei vorbestehendem Alkoholabusus die Trinkmenge (in einer [studienabhängig variablen] Dosis-Wirkungs-Beziehung). Kinder und Jugendliche werden dabei nicht nur kollateral von Außenwerbung mit erfasst, sondern gezielt sozialselektiv durch online-Werbung angesprochen. Selbstverständlich ist Werbung nicht der einzige Manifestationsfaktor für die Entstehung einer Alkoholabhängigkeit. Doch gerade besonders gefährdete Menschen zeigen eine erhöhte Empfänglichkeit für Alkoholwerbung und dadurch initiiertes Rauschtrinken. Werbung für Alkohol kann also nicht dem Zweck dienen, einen kritischen Umgang mit Alkohol zu fördern oder einen differenzierten Konsum anzustreben, sie dient allein der rücksichtslosen Umsatzsteigerung! Demgegenüber kann Anderson et al. zeigen, dass Werbeverbote, die Reduktion von Verfügbarkeit und Preiserhöhungen durch (erhöhte) Besteuerung kosteneffektive Maßnahmen zur Reduktion von Alkoholfolgeschäden sind. Wir lehnen dabei jedoch das Instrument der (isolierten) Alkoholsteuererhöhung zur Alkoholismusprävention ab, weil es eine sozialselektive Exklusion bedingt, die nicht mit unserem sozialdemokratischen Verständnis einer solidarischen Steuerpolitik vereinbar ist. Wesentlich ist dementsprechend auch die Reduktion der Verfügbarkeit: Fast flächendeckend kann in Deutschland rund um die Uhr Alkohol gekauft werden, ein Umstand, der nur für wenige andere Produkte zutrifft. Während die Beschaffung von Medikamenten oder Grundnahrungsmitteln sonn- und feiertags mit erheblichem Aufwand und Mehrkosten verbunden ist, können Alkohol und Tabakwaren durchgehend an Tankstellen und Kiosks erworben werden: Genau diese Über-Verfügbarkeit trägt mit zur Omnipräsenz des Alkohols bei und fördert auch den schädlichen Gebrauch. Deshalb fordern wir:

  • Verbot der Außen-, Rundfunk- und Onlinewerbung für alkoholhaltige Getränke

 

Aufklären statt Verbieten

Ein selbstbewusster und unabhängiger Umgang mit Alkohol bedarf einer guten Information und Bildung zu dem Thema. Die Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung (BZgA) bietet hier mit Kampagnen einen Ansatz. Zwar konnte bisher nur belegt werden, dass Aufklärungskampagnen das Wissen über schädlichen Alkoholkonsum, eine Änderung der Einstellung zum Alkoholkonsum sowie ein verstärktes Wahrnehmen von Therapieangeboten bewirken, diese Effekte rechtfertigen dennoch intensive Aufklärungsarbeit. Deutlich wird hier aber auch, welchen zentralen Stellenwert die Vorbeugung von suchtauslösenden Faktoren hat. Wir fordern deshalb:

  • Ausbau der finanziellen Ausstattung der BZgA
  • Ausbau der öffentlichen Aufklärungskampagnen und Schaffung zusätzlicher Aufklärungsangebote für Schulen
  • Umfassende Verankerung des Themas „Substanzabhängigkeit“ in den Kernkurrikula

 

Im eigenen Verband

Wesentlicher Faktor der Manifestation einer Alkoholabhängigkeit bleibt jedoch das persönliche Umfeld. Der subkulturelle Umgang mit Alkohol ist nicht nur Rahmenbedingung für die Entwicklung eines schädlichen Alkoholkonsums, sondern auch eine wichtige Bedingung für Krankheitseinsicht und Therapieerfolg. Der oben skizzierte gesamtgesellschaftliche Wandel hin zu einem wirklich freien Alkoholkonsum beinhaltet damit auch die Freiheit zum Nicht-Konsum, die wir selbst in unserem Verband vorleben wollen.

Begründung:

Die im internationalen Vergleich in Deutschland hochprävalente (3,4% der Gesamtbevölkerung (Pabst et al. 2013)) Alkoholabhängigkeit stellt nicht nur ein häufiges und schweres Krankheitsbild dar, sie ist auch Ausdruck einer sozial und altersabhängig stratifizierten Erkrankung. Besonders junge Menschen (18-20 Jahre und 21-24 Jahre) sind häufig von Alkoholabhängigkeit betroffen (6,4% bzw. 6,1%). Der Alkoholismus ist also ein wichtiges politisches Feld gerade auch der politischen Jugendorganisationen. Vor dem Hintergrund der sozialselektiven und zielgerichteten Werbung für Alkohol für Kinder und Jugendliche (D’Amico et al. 2017) verschärft sich das politische Problem von Alkoholwerbung generell: Eine besonders in Deutschland hoch profitable Branche nutzt Werbung, um die ohnehin bestehende kulturelle Verbreitung des Alkoholkonsums weiter emotional aufzuladen. Werbung hat nie den Zweck, die freie Konsumentscheidung zu ermöglichen, sondern zielt immer darauf, die Kaufentscheidung (zwangsläufig unselbstständig) zu beeinflussen. Solange der Kapitalismus nicht überwunden ist, scheint Werbung in der Fata Morgana des freien Marktes die notwendige Hitze darzustellen, so als unterschieden sich die Produkte im Regal der neoliberalen Globalisierung tatsächlich. In Bezug auf Suchtstoffe aber können wir doch die Werbemanipulation gerade derer, die die höchste Gefahr haben, an einer Alkoholabhängigkeit zu leiden, am wenigsten zulassen!

Was wir stattdessen brauchen ist eine Kultur des kritischen Konsums und des Respekts für beide Entscheidungen: für und gegen den Alkoholkonsum. Kulturelle Veränderungen sind nicht klar steuerbar, sie sind aber beeinflussbar. Eine öffentliche Debatte und systematische Aufklärungen können ebenso dazu beitragen, den Umgang mit Alkohol auf subkultureller Ebene zu verändern wie ein aktives Vorleben. Und einen weiteren wichtiger Aspekt des Alkoholkonsums direkt bei den Jusos greift die hannoversche Bezirksvorsitzende Silke Hansmann auf: „[…] Besonders als Frau habe ich das Gefühl, dass mir immer wieder auf Veranstaltungen und auch privat Alkohol aufgedrängt wird. Selbst wenn klargestellt wurde, dass man gar keinen Alkohol trinkt, heißt es „Ach, ein Sekt geht doch immer“. Hier wird natürlich bewusst meine freie Entscheidung und mein Urteilsvermögen angezweifelt […]“. Ein kulturell erzwungener Alkoholkonsum fördert also häufig auch sexistische Stereotype, deren Fortführung kein progressives politisches Ziel sein kann.

Dieser Antrag soll nicht den Alkohol oder seinen Konsum dämonisieren oder den Spaß an einem feuchtfröhlichen Abend nehmen, er soll ihn mit seinen Maßnahmen erstrecht erlauben – für alle in eigener, freier Entscheidung!

Anmerkungen

Anderson P, Chisholm D, Fuhr DC (2009a): Effectiveness and cost-effectiveness of policies and programmes to reduce the harm caused by alcohol. The Lancet 373, 2234–2246

Anderson P, de Bruijn A, Angus K, Gordon R, Hastings G (2009b): Impact of alcohol advertising and media exposure on adolescent alcohol use: a systematic review of longitudinal studies. Alcohol Alcohol Oxf Oxfs 44, 229–243

D’Amico EJ, Martino SC, Collins RL, Shadel WG, Tolpadi A, Kovalchik S, Becker KM (2017): Factors Associated with Younger Adolescents’ Exposure to Online Alcohol Advertising. Psychol Addict Behav J Soc Psychol Addict Behav 31, 212–219

Lieb K, Frauenknecht S, Brunnhuber S: Intensivkurs Psychiatrie und Psychotherapie. 7. Auflage; Urban \& Fischer Verlag, München 2012

McClure AC, Tanski SE, Li Z, Jackson K, Morgenstern M, Li Z, Sargent JD (2016): Internet Alcohol Marketing and Underage Alcohol Use. Pediatrics 137, e20152149

Pabst A, Kraus L, Matos EG de, Piontek D (2013): Substanzkonsum und substanzbezogene Störungen in Deutschland im Jahr 2012. SUCHT 59, 321–331

Young B, Lewis S, Katikireddi SV, Bauld L, Stead M, Angus K, Campbell M, Hilton S, Thomas J, Hinds K, et al. (2018): Effectiveness of Mass Media Campaigns to Reduce Alcohol Consumption and Harm: A Systematic Review. Alcohol Alcohol Oxf Oxfs 53, 302–316

Werbeausgaben für alkoholische Getränke in Deutschland bis 2017 | Statistik. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/151370/umfrage/werbeausgaben-fuer-alkoholische-getraenke/; Zugriff am 15.03.2019