C11 Ein gutes PJ macht auch gute Ärzt*innen!

Status:
(noch) nicht behandelt

Wir fordern gerechte Arbeits- und Ausbildungsbedingungen im Praktischen Jahr (PJ) des Medizinstudiums!

Das PJ dient als letzter Teil des Medizinstudiums der praktischen Vertiefung und Anwendung des theoretisch gelehrten Wissens und ist damit integraler Bestandteil der ärztlichen Ausbildung. Zur Zeit sind die Arbeits- und Ausbildungsbedingungen in vielen Krankenhäusern untragbar: die Studierenden erhalten für die Vollzeittätigkeit auf Station und im OP keine Arbeitskleidung, können ihre privaten Wertsachen nicht in einem eigenen Spind verwahren und erhalten keinen Zugang zum Patientenverwaltungssystem, wodurch die Mitarbeit, der persönliche Lernerfolg und eine gute Patient*innenversorgung torpediert werden.

Außerdem werden besonders in privaten Kliniken kaum Seminare und Lehrveranstaltungen durchgeführt, sodass eine gute und fundierte Ausbildung nicht möglich ist. Oft ist auch die praktische Anleitung (bei invasiven Eingriffen etc.) unzureichend. Damit lassen viele Krankenhäuser die letzte Möglichkeit alle Studienabsolvent*innen suffizient auf den Berufsalltag vorzubereiten, verstreichen. Von den PJler*innen wird erwartet, Vollzeit zu arbeiten, dabei reicht die Vergütung nicht ansatzweise für die Deckung der Lebenshaltungskosten aus, deshalb sind viele Studierenden zusätzlich auf einen Nebenjob angewiesen – zumal die meisten über 25 Jahre alt sind, sich somit selbst krankenversichern müssen und nicht mehr unterhaltsberechtigt sind.

Im PJ stehen den Studierenden 30 „Fehltage“ zu – das schließt jedoch alle Urlaubs- und Krankheitstage ein. Wer also einen Tag krank ist, hat einen Tag Urlaub weniger; in geteilten Tertialen ist nicht ein einziger Fehltag zulässig (also weder Krankheit noch Urlaub)! Wer unter solchen Bedingungen arbeiten und lernen soll, ist nicht nur enormer Belastung ausgesetzt, sondern auch ein Risiko für die Patient*innen!

Deshalb fordern wir: Gerechte Arbeitsbedingungen!

Diese umfassen:

  • Verbindliche gute praktische Arbeitsbedingungen vor Ort (Arbeitskleidung, Spind, Zugang zum Patient*innenverwaltungssystem)
  • Regelmäßig durch die Heimatuniversität überprüfte Lehre an den akademischen Lehrkrankenhäusern (einheitlicher Tätigkeitskatalog und Lehrinhalte)
  • Eine einheitliche Vergütung, die zur Deckung der Lebenshaltungskosten ausreicht
  • Überarbeitete Fehlzeitenregelung, die sich an den Krankenregelungen des öffentlichen Dienstes orientieren (z.B. Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung bei Krankheit)

Wir fordern deshalb von der Bundesregierung eine entsprechende Änderung der Approbationsordnung für Ärzte (ÄApprO) mit dem Ziel der bundeseinheitlichen Regelung.

Begründung:

„Während der Ausbildung nach Absatz 1 [Praktisches Jahr], in deren Mittelpunkt die Ausbildung am Patienten steht, sollen die Studierenden die während des vorhergehenden Studiums erworbenen ärztlichen Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten vertiefen und erweitern. Sie sollen lernen, sie auf den einzelnen Krankheitsfall anzuwenden. Zu diesem Zweck sollen sie entsprechend ihrem Ausbildungsstand unter Anleitung, Aufsicht und Verantwortung des ausbildenden Arztes ihnen zugewiesene ärztliche Verrichtungen durchführen. Sie sollen in der Regel ganztägig an allen Wochenarbeitstagen im Krankenhaus anwesend sein. Zur Ausbildung gehört die Teilnahme der Studierenden an klinischen Konferenzen, einschließlich der pharmakotherapeutischen und klinisch-pathologischen Besprechungen.“ (§3 (4), ÄApprO 2002, zuletzt geändert 17.07.2017)

Diese Definition des PJ nach der ÄApprO veranschaulicht den Stellenwert, den das Praktische Jahr in der Ausbildung von Ärzt*innen einnimmt. Zugleich beschreibt sie den Praxisschwerpunkt des PJ, der sich damit deutlich vom vorherigen Studium unterscheidet. Auch die Kliniken, in denen PJler*innen eingesetzt sind, profitieren enorm von diesem Ausbildungsmodell, denn regelmäßiger Bestandteil der Arbeit der PJler*innen sind Routinetätigkeiten, für die die Häuser sonst teures Personal einstellen müssten. Es stört keine Studierenden im PJ, wenn sie bei Routinetätigkeiten auf Station unterstützen, aber PJler*innen sind keine billigen Stationshilfen, die nur für Routinetätigkeiten ohne Wissenszuwachs da sind! Das Modell PJ stellt damit eine klassische Form neoliberaler Ausbeutungspraktik dar, bei welcher die persönliche Entwicklung als Rechtfertigung für prekäre Arbeitsbedingungen dient. Und am Ende geht es um Wissenszuwachs und praktische Fähigkeiten – nach dem PJ müssen die Studierenden als approbierte Ärzt*innen nach bestem Wissen ihre Patient*innen versorgen. Als Sozialdemokratie sind wir den Menschen verpflichtet, deshalb müssen wir uns für faire Arbeitsbedingungen ebenso einsetzen wie für gute medizinische Versorgung! Ein gutes PJ macht auch gute Ärzt*innen, von denen alle profitieren!!!