G10 Frauen*solidarität – empowered women empower women

Wir Jusos sind ein feministischer Richtungsverband und zählen die Überwindung des Patriarchats zu unseren zentralen Zielen, um eine Gesellschaft der Freien und Gleichen zu ermöglichen. Rechtliche und politische Gleichheit haben Frauen auf dem Papier in den allermeisten Bereichen bereits erkämpft. Aktive, gelebte Gleichstellung wird in sehr vielen Bereichen aber weiterhin durch patriarchale Strukturen und Alltagssexismus verhindert. Diese patriarchalen Strukturen aufbrechen zu wollen, ist richtig und muss ein Hauptziel unserer feministischen Bewegung sein. Die Autorin Caroline Rosales formuliert in einem Artikel aber treffend: „Es wird viel geredet über die Gründe einer patriarchalisch geprägten Arbeitswelt und unserer sexistischen Gesellschaft allgemein, doch nie über den Nährboden, der das Wachstum solcher männlich-dominierten Machtstrukturen
begünstigt.“

Wie ist das zu verstehen? In unseren Frauen*netzwerken, Frauen*empowermentprogrammen und Feminist Fight Clubs predigen wir den Zusammenhalt unter Frauen*. Wir wollen uns gegenseitig supporten, uns empowern, Frauen*solidarität ist das Stichwort. Doch zur Wahrheit gehört auch, dass Frauen*netzwerke bei weitem nicht so gut funktionieren wie die geknüpften Seilschaften zwischen Männern. Woran aber kann das liegen? Das hat natürlich auch mit Geschlechterrollen und Sozialisation zu tun: So beschreibt die Psychologin Mechthild Erpenbeck, dass Männer eher Oben-unten-Positionen auskämpfen würden und sich erst nach Klärung eines Machtkampfes dem nächsten Kampf widmen würden. Frauen hingegen fühlten sich schneller auf einer persönlichen Ebene angegriffen und in ihren Machtkämpfen ginge es schneller um eine wahrgenommene existenzielle Bedrohung und deren Vernichtung. Darauf fußt das fragile Zusammenspiel von Beziehungen zwischen Frauen*. Sie fördern selten Nachfolgerinnen*, gönnen sich gegenseitig keine Erfolge, sondern stehen oft als Einzelkämpferinnen* dar und greifen sich oft auf einer passiv-aggressiven Ebene an. Mädchen* werden von der Gesellschaft zu Konkurrentinnen* erzogen, die sich auch aufgrund der verstärkenden patriarchalen Strukturen eher im Kampf zu Geschlechtsgenossinnen* sehen. Das konnten die Evolutionsforscherinnen Anne Campbell und Paula Stockley nachweisen: „Mädchen und Frauen, die ihr Verhalten nicht der sozialen Norm anpassen, müssen den Verlust ihrer Freundschaften fürchten. Durch alle sozialen Schichten bevorzugten Frauen demnach im Konkurrenzkampf um einen männlichen Partner Strategien wie indirekte Aggression, Rufschädigung und Ausgrenzung der Mitbewerberin, dagegen aber weniger körperliche Gewalt als Männer.“

Politische Auseinandersetzungen oder sogar persönliche Konflikte kann es natürlich auch unter Frauen* geben. Sie haben ihre Berechtigung, solange sie anhand der Sache geführt werden und sich nicht durch strukturelle Gegebenheit bedingen oder sogar verstärkt werden. Denn unter Frauen* ist dieser Konkurrenzkampf besonders toxisch: Frauen* stechen sich gegenseitig aus und werden zusätzlich von patriarchalen Machtstrukturen eingeschränkt. Das bedeutet natürlich nicht, dass Frauen* an diesen Machtstrukturen schuld sind, wir könnten sie aber besser bekämpfen, wenn wir uns mit aller Selbstverständlichkeit gegenseitig fördern, empfehlen und loben würden.

Frauen*solidarität bedeutet für uns, dass wir als Frauen* an der Seite von Frauen* stehen, dass wir gemeinsam für unsere Belange eintreten, dass wir Netzwerke bilden, uns gegenseitig unterstützen und besonders dann andere Frauen* empowern, wenn wir es selbst in Führungspositionen geschafft haben. Frauen*solidarität bedeutet aber auch, dass wir offen mit Kritik umgehen, dass das Kritisieren einer anderen Frau* weiterhin möglich sein muss und dass wir Frauen*empowerment als gemeinsam Weg sehen, denn Förderung ist keine Einbahnstraße. Nicht mit jeder Frau* muss man aufgrund ihres Geschlechts automatisch solidarisch sein, in einem politischen Richtungsverband muss man sich vor allem auch in der inhaltlichen Auseinandersetzung einig werden. In der Sache muss weiterhin Streit und auch Kritik möglich sein. Frauen*solidarität darf nicht zu einem sanktionierenden Kampfbegriff degradiert werden, um andere Frauen* zu sanktionieren. Stattdessen müssen wir das Miteinander stärken und uns unserer gemeinsamen Kämpfe bewusst werden. Wir müssen offen und reflektiert damit umgehen, wo wir eventuell sogar patriarchale Strukturen als Frauen* nutzen und diskutieren, wie wir dies vermeiden können.

Um mit Caroline Rosales zu schließen und eine Richtung für die Zukunft unserer Frauen*empowermentstrukturen aufzuzeigen: „Gelebte Gleichberechtigung in allen Bereichen heißt vor allem auch, dass Frauen endlich lernen, sich auch untereinander wertzuschätzen, dass sie klatschen und nicht lästern“.

Begründung:

Quellen: ROSALES, Caroline, Die ewige Missgunst, URL: https://www.zeit.de/kultur/2018-01/gleichberechtigung-metoo-frauen-solidaritaet-10nach8/komplettansicht (18.03.2019).