G12 Gegen die Ökonomisierung der Geburtshilfe und Gewalt gegen Frauen während der Geburt

Forderungen:

  • die Etablierung einer staatlichen Meldestelle, bei der Frauen ihre Probleme rund um die Geburt anonym melden können
  • eine stärkere Einhaltung der Informations-und Einwilligungspflicht bei bevorstehenden Behandlungsschritten unter Aufklärung über Risiken und Alternativen bei gleichzeitiger Berücksichtigung und Abwägung der angemessenen Ausführlichkeit aufgrund der medizinischen und psychologischen Situationsfaktoren
  • Regelmäßige Fortbildungen, ermöglicht durch Arbeitgeber*innen, für das gesamte Team der Geburtshilfe in traumasensibler und traumatisierungsvermeidender Geburtsbegleitung
  • Supervision für Hebammenteams in Kliniken (Angebot der psychologischen Seelsorge)
  • Mehr Raum für Techniken der Selbstreflektion, auch über Macht, sowie eine Verankerung von Stressbewältigung in die Ausbildung der Hebammen (und weitere Berufsgruppen in der Geburtshilfe).
  • eine Reform der Abrechnungsart der Krankenkassen durch Fallpauschalen von Geburten und der Nachversorgung von Mutter und Kind (aktuell: DRG), welche die Krankenkassen in die Verantwortung nimmt
  • die angemessene Vergütung von Geburtshelfer*innen
  • den Erhalt und Ausbau der flächendeckenden Hebammenversorgung, um während des Geburtsvorgangs eine kontinuierliche 1:1 Betreuung durch eine Hebamme zu gewährleisten
  • die Klärung der Haftpflichtproblematik und eine Deckelung bezüglich der immer weiter steigenden Versicherungsprämien
  • die Verhinderung des weiteren Stellenabbaus im Kreißsaal durch eine strikte Personaluntergrenze
Begründung:

Gewalt gegen Frauen während der Geburt passiert tagtäglich und wird gleichzeitig tabuisiert. Viele Frauen erfahren während der Geburt in Geburtshilfeeinrichtungen eine missbräuchliche oder vernachlässigende Behandlung.

Für werdende Mütter gilt, wie für alle Menschen, das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit. Dieses Recht beinhaltet, dass Eingriffe in die körperliche Integrität nur mit dem Einverständnis der betroffenen Person möglich sind. Das heißt, dass die Frau rechtlich die letztgültige Entscheiderin über den Geburtsprozess ist. Zwar tragen Ärzt*innen, Hebammen und anderes Personal Information- und Aufklärungs- und Beratungspflichten und sollen unterstützend wirken, aber die abschließende Entscheidung über das Vorgehen und über ihren Körper bleibt der gebärenden Frau überlassen. Zudem müssen der Frau – soweit medizinisch vertretbar – tatsächlich Wahlmöglichkeiten gegeben sein, zwischen denen die Gebärende sich entscheiden kann.

Berichte über geringschätzige oder missbräuchliche Behandlung während der Geburt in Geburtshilfeeinrichtungen beinhalten unter anderem körperliche Misshandlungen (Festschnallen der Beine, Festhalten, keine freie Wahl der Geburtsposition), tiefe Demütigung und verbale Beleidigung (Druck ausüben, Nötigung, Zwang, Anschreien, Beschimpfen), aufgezwungene oder ohne ausdrückliche Einwilligung vorgenommene medizinische Eingriffe (Medikamentengabe, Katheter legen, Dammschnitt, Kaiserschnitt), Nichteinhaltung der Einholung einer vollumfänglichen Einverständniserklärung, Verweigerung der Schmerzbehandlung, grobe Verletzung der Intimsphäre bis hin zur Verweigerung der Aufnahme in medizinische Einrichtungen. 

Die Gewalt kann stark von den Arbeitsstrukturen in den Geburtshilfeeinrichtungen abhängen. Mittlerweile muss eine Hebamme drei bis vier Geburten gleichzeitig betreuen. Die hohe Arbeitsbelastung von Hebammen in Kliniken führt zu Zeitmangel und fehlender individueller Betreuung. Hinzu kommt, dass deutsche Krankenhäuser über das Diagnosis-Related-Groups-System (DRG) abrechnen. Hierfür wird die Patientin in eine diagnosebezogene Fallgruppe eingruppiert und die durchgeführten Leistungen aufgerechnet. Aus den Diagnosen und Prozeduren sowie dem Alter, Geschlecht, Gewichtsangabe bei Neugeborenen, Zahl der Stunden maschineller Beatmung, der Verweildauer und der Entlassungsart (z. B. verlegt, verstorben, normale Entlassung usw.) erfolgt die Eingruppierung. Die Klinik erhält dann pro Patientin eine begrenzte Fallpauschale, die den finanziellen und zeitlichen Aufwand aber nicht abdeckt. Dementsprechend ist eine interventionsfreie Geburt ein Verlustgeschäft. Auch das schafft Stress im Betrieb – und mehr Stress führt zu mehr Maßnahmen. Expert*innen sprechen dann von der sogenannten Interventionskaskade, also dem Effekt, dass ein Eingriff in die Geburt sehr oft einen weiteren nach sich zieht. Langes Liegen am Wehenschreiber intensiviert die Schmerzen, Schmerzmittel wiederum können die Wehen hemmen, dagegen werden Wehenmittel verabreicht, die wiederum den Geburtsverlauf verkomplizieren und dann nicht selten in operative Eingriffe durch Saugglocke oder eben Kaiserschnitt münden können. So entsteht eine Spirale der medizinischen Eingriffe, die bei mehr verfügbarer Zeit pro Patientin eventuell nicht notwendig gewesen wäre.

Manchmal ist es jedoch zwingend nötig, bestimmte unangenehme oder schmerzhafte Interventionen vorzunehmen, um die körperliche Unversehrtheit von Mutter und Kind zu erhalten. Wird die gebärende Frau dabei nicht übergangen, sondern ruhig und verständlich aufgeklärt, kann dies aus der gleichen Situation eine gänzlich andere Erfahrung machen. Diese Praktiken sollten vollständig mit der Mutter abgesprochen werden, um sicher zu gehen, dass sie umfassend informiert ist und auf dieser Wissensbasis zustimmen kann. Damit lässt sich verhindern, dass posttraumatische Folgen nach der Geburt mit Gewalterfahrung (Albträume, unerklärliche Wutanfälle und schwere Schlafstörung, die zu Depressionen führen können) aufkommen und die Beziehung zwischen Mutter und Kind nachhaltig belasten.

Gewalt bei Geburten ist klar ein strukturelles Problem, weil Geburten in Deutschland im Rahmen wirtschaftlicher Planbarkeit stattfinden müssen. Durch fehlende Raumkapazitäten oder Personalmangel müssen Geburtshilfekliniken Frauen selbst unter Wehen und mit Voranmeldung abweisen. Diesen extremen Fall gilt es zu verhindern, aber auch alle während der Geburt physisch oder psychisch verletzenden Maßnahmen müssen auf das absolut medizinisch notwenige Maß reduziert werden. Geburtshilfeeinrichtungen dürfen Frauen, wenn auch im Zweifelsfall ungewollt, nicht das Gefühl der Objektifizierung geben. Der Wille der gebärenden Frau muss unbedingt beachtet werden.

Dies ist nur möglich, wenn eine Veränderung im Gesundheitswesen vorangebracht wird. Die aktuelle Berechnung zur Finanzierung einer Geburt über ein Fallpauschalensystem führt zur Ökonomisierung eines Ereignisses, das sich nicht beeinflussen lässt und wenig absehbar ist. Dazu bedarf es einer Reform, deren Ausgestaltung in der Verantwortung der Gesetzgeber*innen liegt.  Das neue System muss die individuelle Berechnung der erbrachten Leistungen ermöglichen und somit auch die Krankenkassen mit ihren enormen finanziellen Überschüssen in die Pflicht nehmen. Zusätzlich verhindert eine adäquate Versorgung von Hebammen und damit der garantierte Zugang zu individueller Geburtshilfe, dass Engpässe in der Klinikroutine entstehen, die mit unplanbaren Geburten kollidieren. Dazu zählt eine angemessene Bezahlung sowie die Stärkung des Berufes durch die Klärung der Haftpflichtproblematik. Mit einer angemessenen Betreuung durch Hebammen kann sichergestellt werden, dass jede Behandlung vor, während und nach der Geburt an die Bedürfnisse der Frau angepasst wird und derartige Fehler im Umgang mit Gebärenden verhindert werden können.