B6 Hilfe für helfende Kinder - Support Young Carer!

Status:
(noch) nicht behandelt

Nach Schätzungen des Bundesministeriums für Gesundheit müssen rund 480.000 Kinder und Jugendliche bundesweit Angehörige pflegen, zumeist ihre Geschwister oder Eltern (https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/5_Publikationen/Pflege/Berichte/Abschlussbericht_KinderundJugendlichepflegAngeh.pdf). Dabei sind diese Kinder und Jugendlichen meist großen psychischen Belastungen ausgesetzt. Die Pflege der Angehörigen reicht von Hilfen im Haushalt, über die Medikamenten- und Nahrungsmitteleinnahme bis hin zur Körper- und Intimpflege.

Aufgrund der mangelnden Präsenz der Lage in Schulen, Politik und Medien besteht erheblicher Bedarf zur Aufklärung und Beratung. Wir fordern die Sensibilisierung von Entscheidungsträger*innen, insbesondere den (gesetzlichen) Krankenkassen, Gemeinden und Schulen. Wir fordern die Aufnahme der Thematik in den Bildungsplan und die Sensibilisierung der Lehrkräfte über Schulungen.

Bislang haben im Land Hessen erst vier Kreise ein Angebot zu Beratung und gegenseitigem Austausch von Young Carers geschaffen. Wir fordern, dass sich Land und Bund vermehrt für den flächendeckenden Auf- und Ausbau eines niedrigschwelligen Angebots für betroffene Kinder und Jugendliche einsetzen. Hierbei müssen städtischer und ländlicher Raum gleichermaßen berücksichtigt werden.

Doch muss sich der Gesetzgeber auch für die Entlastung dieser Young Carers einsetzen. Dazu soll der §38 SGB V insoweit geändert werden, sodass eine Haushaltshilfe für Kinder und Jugendliche nicht nur ausschließlich für Kinder im Alter von 0 bis 12 Jahren bei Krankenhausaufenthalt der Eltern mit lebensbedrohlichen Krankheiten beantragt werden kann, sondern auch zur Unterstützung von Jugendlichen bis 18 Jahren. Außerdem soll geprüft werden, ob über den §38 II SGB V ebenfalls eine Änderung in Bezug auf ambulante Krankenhausaufenthalte möglich ist, da Stand heute gerade Patient*innen, die zur Chemo-Therapie oder zur Dialyse müssen, keinen Anspruch auf eine Haushaltshilfe besitzen.

Im bisherigen Verfahren zur Einstufung der Pflegegrade wird der Erziehungsauftrag der Eltern bislang nicht ausreichend berücksichtigt. Wenn Eltern durch eine Erkrankung und die Pflegebedürftigkeit nicht ausreichend in der Lage sind, sich um ihre Kinder zu kümmern, so sollte eine erhöhte Unterstützung durch die Kranken- bzw. Pflegekassen möglich werden. Dasselbe gilt im Fall von Geschwistern, die als schwere Pflegefälle die komplette Aufmerksamkeit der Eltern verlangen und weswegen auch hier Kinder und Jugendliche zu kurz kommen. Bei der Beantragung eines Pflegegrades soll der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) daher ermitteln, wie viele minderjährige Kinder in jenen Haushalten leben, und den sich hieraus ergebenden Erziehungsauftrag bei der Einstufung berücksichtigen. Darüber hinaus fordern wir eine Sensibilisierung des MDK insofern, als dass bei der Einstufung des Pflegegrads Menschen, die beispielsweise an Suchterkrankungen oder Depressionen leiden, beachtet werden. In diesen Fällen erhalten die erkrankten Eltern keine Leistungen, wie eine Haushaltshilfe, was zu einer sehr großen Belastung der ohnehin bereits belasteten Young Carers führt.  Auch in den Jugendämtern muss es zu einer Sensibilisierung des Personals kommen. Viele erkrankte Eltern wenden sich nur in seltenen Fällen an das Jugendamt, wenn sie sich über Hilfen oder Beratungsstellen für ihre pflegenden Kinder erkundigen möchten, da sie fürchten, das Sorgerecht für ihre Kinder entzogen zu bekommen. Daher sollten Sachbearbeiter*innen in Schulungen und Tagungen diesbezüglich geschult werden.

Ebenfalls bedarf es einem vermehrten Angebot an schneller Notfallversorgung der Young Carer, wenn es beispielsweise zu einer akuten Behandlung der erkrankten Eltern kommt. Die psychologische Betreuung der Kinder im Notfall ist von großer Wichtigkeit.

Begründung:

Der Begriff Young Carer beinhaltet alle Kinder und Jugendliche, die aufgrund einer Krankheit eines Angehörigen unter anderem in seelische Not geraten sind und Hilfe benötigen. Dabei darf es keine Rolle spielen, ob es sich um Krebs, Sucht, Depression, Schlaganfall oder um äußerst seltene Erkrankungen handelt. Ein Kind oder ein*e Jugendliche*r darf nicht durch die Art der Erkrankung der Eltern oder der Geschwister diskriminiert oder von Hilfsangeboten ausgeschlossen werden.

Nach Schätzungen des Bundesministeriums für Gesundheit müssen rund 480.000 Kinder und Jugendliche bundesweit Angehörige pflegen, zumeist Geschwister oder Eltern (https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/5_Publikationen/Pflege/Berichte/Abschlussbericht_KinderundJugendlichepflegAngeh.pdf).

In der Regel arbeitet das nicht-betroffene Elternteil Vollzeit, um den Lebensunterhalt der Familie zu bestreiten, während die Kinder und Jugendlichen nach der Schule die Pflege des erkrankten Elternteils zu übernehmen. Die Pflege der Angehörigen reicht von Hilfen im Haushalt, über die Medikamenteneinnahme und Nahrungsmittelaufnahme bis hin zur Körper- und Intimpflege.

Die Doppelbelastung von schulischer Ausbildung auf der einen Seite und Pflege der Eltern auf der anderen Seite, führen zu großen psychischen Belastungen der Kinder. Sie fühlen sich unter dem Zwang, ihren Eltern helfen zu müssen. Aus dem Gefühl heraus für die erkrankten Eltern „funktionieren“ zu müssen, blenden Kinder ihre eigenen Bedürfnisse häufig aus. So erzählen viele inzwischen erwachsenen Young Carer, dass sie keine Kindheit hatten und direkt die Rolle eines Erwachsenen übernehmen mussten. Mal eben kurz mit Freund*innen ins Kino gehen oder die Klasse mit ins Landschulheim oder auf Studienfahrten zu begleiten, ist nicht möglich, wenn die Familie zuhause auf die Hilfe und Pflege durch die Kinder und Jugendlichen angewiesen ist.

Erfahrungswerte haben gezeigt, dass Young Carers für bestimmte körperliche und psychische Beschwerden anfällig sind: Schlafstörungen, Stress und ständige Sorge, Rückenprobleme durch ständig schweres Heben, Trauer, mangelnde Möglichkeiten an Sport- oder Freizeitaktivitäten teilzunehmen sowie große Ängste, ein Familiengeheimnis zu verraten, z.B. wenn in der Pflege Substanzmittelgebrauch nötig wird, wie es bei schweren Krankheiten wie Krebs üblich ist.

Zusätzlich entstehen erhebliche schulische Nachteile für die Kinder. Darunter fallen das Nicht-besuchen der Schule oder regelmäßiges Zuspätkommen aufgrund der Pflegesituation zu Hause, wenig bis keine Zeit zum Lernen sowie die Schwierigkeit der Teilnahme der Eltern an Elternabenden und schulischen Veranstaltungen. Zudem leidet das soziale Leben der betroffenen Kinder und Jugendlichen ganz erheblich. Dies führt dazu, dass Young Carer ihre schulische Laufbahn eventuell nicht weiter fortsetzen und so aufgrund der seltenen oder schlechten Teilnahme am schulischen Geschehen oder fehlender familiärer Unterstützung, die schulische Ausbildung vorzeitig beenden.

 

Problematisch ist auch, dass diese Kinder und Jugendliche häufig gar nicht als „Problemfälle“ auffallen. Durch ihre „angepasste Art“ gelten sie häufig sogar als angenehm für die Lehrer*innen und Erzieher*innen, die somit aber deren Probleme gar nicht wahrnehmen. Deshalb ist hier die Sensibilisierung von Lehrkräften entscheidend.

 

Anlagen:

  • 38 SGB V Haushaltshilfe

(1) Versicherte erhalten Haushaltshilfe, wenn ihnen wegen Krankenhausbehandlung oder wegen einer Leistung nach § 23 Abs. 2 oder 4, §§ 24, 37, 40 oder § 41 die Weiterführung des Haushalts nicht möglich ist. Voraussetzung ist ferner, daß im Haushalt ein Kind lebt, das bei Beginn der Haushaltshilfe das zwölfte Lebensjahr noch nicht vollendet hat oder das behindert und auf Hilfe angewiesen ist. Darüber hinaus erhalten Versicherte, soweit keine Pflegebedürftigkeit mit Pflegegrad 2, 3, 4 oder 5 im Sinne des Elften Buches vorliegt, auch dann Haushaltshilfe, wenn ihnen die Weiterführung des Haushalts wegen schwerer Krankheit oder wegen akuter Verschlimmerung einer Krankheit, insbesondere nach einem Krankenhausaufenthalt, nach einer ambulanten Operation oder nach einer ambulanten Krankenhausbehandlung, nicht möglich ist, längstens jedoch für die Dauer von vier Wochen. Wenn im Haushalt ein Kind lebt, das bei Beginn der Haushaltshilfe das zwölfte Lebensjahr noch nicht vollendet hat oder das behindert und auf Hilfe angewiesen ist, verlängert sich der Anspruch nach Satz 3 auf längstens 26 Wochen. Die Pflegebedürftigkeit von Versicherten schließt Haushaltshilfe nach den Sätzen 3 und 4 zur Versorgung des Kindes nicht aus.

(2) Die Satzung kann bestimmen, daß die Krankenkasse in anderen als den in Absatz 1 genannten Fällen Haushaltshilfe erbringt, wenn Versicherten wegen Krankheit die Weiterführung des Haushalts nicht möglich ist. Sie kann dabei von Absatz 1 Satz 2 bis 4 abweichen sowie Umfang und Dauer der Leistung bestimmen.

(3) Der Anspruch auf Haushaltshilfe besteht nur, soweit eine im Haushalt lebende Person den Haushalt nicht weiterführen kann.

(4) Kann die Krankenkasse keine Haushaltshilfe stellen oder besteht Grund, davon abzusehen, sind den Versicherten die Kosten für eine selbstbeschaffte Haushaltshilfe in angemessener Höhe zu erstatten. Für Verwandte und Verschwägerte bis zum zweiten Grad werden keine Kosten erstattet; die Krankenkasse kann jedoch die erforderlichen Fahrkosten und den Verdienstausfall erstatten, wenn die Erstattung in einem angemessenen Verhältnis zu den sonst für eine Ersatzkraft entstehenden Kosten steht.

(5) Versicherte, die das 18. Lebensjahr vollendet haben, leisten als Zuzahlung je Kalendertag der Leistungsinanspruchnahme den sich nach § 61 Satz 1 ergebenden Betrag an die Krankenkasse.

 

Prof. Dr. Sabine Metzing (2019), „Die Situation von Kindern und Jugendlichen als pflegende Angehörige“ https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/5_Publikationen/Pflege/Berichte/Abschlussbericht_KinderundJugendlichepflegAngeh.pdf, S.41