U14 Kulturfleisch: Eine vielversprechende Alternative? – Vier Forderungen an die Sozialdemokratie

Status:
(noch) nicht behandelt

Der Bundeskongress möge beschließen:

 

Unsere Forderungen

 

  1. Es bedarf eines höheren öffentlichen Bewusstseins für die Probleme im Zusammenhang mit der Fleischproduktion. Die Innovation in-vitro-Fleisch muss in einen breiten Diskurs über negative Auswirkungen der heutigen Fleischproduktion und des Fleischkonsums eingebettet werden.

 

  1. Das derzeit noch verhältnismäßig kostenintensive in-vitro-Fleisch muss konkurrenzfähig werden. Dazu ist es nötig, die massiven Subventionen der Tierproduktion zu streichen. Auch soll der Staat bzw. die EU in in-vitro-Technik investieren. Hierzu muss die Bundesregierung bzw. die EU einen Forschungsfonds zur Verfügung stellen. Bei der Forschung und Produktion eines zur Vermeidung von Klima- und Umweltschäden beitragenden Produktes sollte die deutsche Wirtschaft nicht abgehängt sein.

 

  1. Klima-, Umwelt- und Tierschutz dürfen kein Elitenprojekt sein. Daher muss eine Monopolisierung des in-vitro-Marktes vermieden werden, um erschwingliche Preise für alle Menschen zu ermöglichen.

 

Die SPD muss sich für die Einführung von in-vitro-Produkten auf dem Markt einsetzen. Es bedarf einer begleitenden Aufklärungskampagne, dass auch in-vitro-Fleisch mit Problemen, insbesondere einem sehr hohen Energieverbrauch, behaftet ist. Unmittelbar muss eine globale Ernährungswende beginnen – weg von der Tierproduktion.

Begründung:

Der Fleischkonsum in Deutschland ist mittlerweile relativ konstant bei 60 kg pro Kopf und Jahr.  Damit stellt Deutschland bereits eine Ausnahme dar. Zwar ist der pro Kopf Konsum in Deutschland immer noch deutlich höher als in Schwellenländern, allerdings steigt der Fleischkonsum in diesen stetig an.  Bis 2050 wird sich die weltweite Fleischproduktion verdoppeln.

Der Fleischkonsum steht nicht nur mit vielen Zivilisationskrankheiten in engem Zusammenhang. Vielmehr ist er neben enormen ökologischen Schäden für massive Verschwendung von Wasser, Boden und Ressourcen und somit mittelbar auch für die globale Hungerkrise maximal mitverantwortlich. Zwar werden ausreichend Nahrungsmittel produziert, doch in einem kapitalistischen System werden diese nicht gleichmäßig und gerecht verteilt. Ferner stehen insbesondere die Probleme im Umgang mit Tieren in der Tierproduktion im Fokus. Daher ist es nicht verwunderlich, dass immer mehr Menschen auf eine fleischlose Ernährung umsteigen. Dennoch ist die Lust auf Fleisch insgesamt ungebrochen. Somit bedarf es eine Diskussion um alternative Formen der Fleischproduktion.

Was ist in-vitro-Fleisch?

Fleisch für den menschlichen Verzehr besteht zu einem großen Teil aus tierischem Muskelgewebe. Dieses Muskelgewebe kann auch außerhalb des Körpers eines Tieres in einer Zellkultur hergestellt werden. Somit entfällt die Notwendigkeit ein Tier heranzuzüchten und zu töten, um Fleisch zu erhalten.

Als in-vitro-Fleisch wird also Fleisch bezeichnet, welches im Labor bzw. in vitro (lat. „im Glas“) hergestellt wird. Diese Technik wird als „Tissue Engineering“ bezeichnet und beschäftigt sich mit der künstlichen Herstellung biologischer Gewebe durch die gerichtete Kultivierung von Zellen. Ursprünglich stammt die Technik aus der regenerativen Medizin, die sich mit der Wiederherstellung von zerstörtem Gewebe beschäftigt. Beim Tissue Engineering werden einem Spenderorganismus Zellen entnommen und im Laber in vitro vermehrt. Die entnommenen Muskelzellen werden in einer Nährlosung im Bioreaktor kultiviert und entwickeln sich zu Muskelfasern. So lässt sich beispielsweise ein Burger Pattie in einer Petrischale züchten.

In-vitro-Fleisch im Vergleich

Bisher ist in-vitro-Fleisch noch nicht marktreif und nur prototypisch produziert worden. Ein direkter Vergleich mit konventionellem Fleisch ist insoweit derzeit noch nicht möglich, ein Vergleich basiert lediglich auf vielversprechenden Hypothesen. Derzeitige Analysen gehen davon aus, dass für kultiviertes Fleisch rund 99 % weniger Land genutzt, 96 % weniger Wasser verbraucht, 96 % weniger Treibhausgase und eine in etwa ähnliche Menge Energie verbraucht wird.

 

Hygienische Unterschiede

Aufgrund des sterilen und streng kontrollierten Umfeldes ist die Herstellung von Fleisch aus Zellkulturen sicherer als die konventionelle Produktion in der landwirtschaftlichen Tierhaltung.  Beim Herstellungsprozess gibt es keinen direkten Kontakt mit Tieren, sodass die Gefahr von Zoonosen, also Krankheiten, die sowohl vom Tier auf den Mensch, als auch vom Mensch auf das Tier übertragen werden können (z. B. BSE), reduziert werden.

Darüber hinaus werden wohl keine Medikamente für die Produktion benötigt, während in der Tierproduktion allein im Jahr 2017 in Deutschland 733 Tonnen Antibiotika eingesetzt wurden.  Voraussetzung hierfür ist allerdings, dass die Nährlösung weiterentwickelt wird und zukünftig nicht auf fötales Kälberserum angewiesen ist, welches potenziell Zoonosen enthält. Fötales Kälberserum wird erzeugt, indem eine trächtige Kuh getötet und dem lebenden Fötus Blut aus dem Herzen entnommen wird, wodurch der Fötus ebenfalls stirbt. Momentan ist diese Vorgehensweise für die Produktion von in-vitro-Fleisch nicht umgänglich. Prototypen von Nährlösungen auf Basis von Pflanzen, Pilzen und Mikroalgen wurden zwar bereits entwickelt, sind jedoch derzeit noch nicht massentauglich.

 

Das bessere Fleisch?

Weiterhin sind durch die Züchtung im Labor wesentliche Veränderungen am Produkt möglich, die in der konventionellen Fleischproduktion nicht möglich sind. So können Produkte mit Nährstoffen angereichert und der Gehalt ungesunder Fette reduziert werden. Somit eröffnet sich der Weg für ein „verbessertes Original“ oder „Fleisch 2.0“. Der Kultivierungsprozess ermöglicht ferner die Produktion von exotischem oder anderweitig seltenem Fleisch, welches auch illegale Märkte für das Fleisch exotischer und bedrohter Arten ersetzen könnte.  Ob die gesundheitlichen Risiken durch einen gleichbleibend hohen Konsum von in-vitro-Fleisch anstatt konventionellem Fleisch verringert werden, ist derzeit jedoch nicht abschätzbar.

Weniger Tiere müssten leiden.

Der größte Gewinn liegt aber in der Vermeidung millionenfachen Tierleids. Allein in Deutschland würde bei gleichbleibendem Fleischkonsum täglich 2 Millionen Tieren ein „Leben“ und Tötung in der Tierproduktion erspart bleiben. Zwar wird ein Tier benötigt, welchem die für die Züchtung des Laborfleischs nötigen Stammzellen entnommen werden kann. Die Stammzellenentnahme dauert jedoch nur wenige Minuten. Die möglichen Schmerzen einer Muskelbiopsie sind zwar noch unklar und ob Tiere am Leben bleiben, aber dauerhaft gequält würden, ist ebenfalls ungewiss. Darüber hinaus kommen bei der Entwicklung der Verfahren zur Herstellung von in-vitro-Fleisch bzw. bei der Grundlagenforschung im Bereich der Zellkultivierung oder regenerativen Medizin Tierversuche zum Einsatz.  Ferner soll hier an die Probleme im Zusammenhang mit fötalem Kälberserum erinnert werden, s. o.

 

Allerdings kann sich jede für die Produktion benötigte Mutterzelle vielfach vermehren und jedes Spendertier besitzt Milliarden solcher Zellen. Somit könnte theoretisch eine Handvoll Spendertiere den weltweiten Fleischbedarf decken.  Verglichen mit der konventionellen Tierproduktion ist dieser Vorgang also eine erhebliche Verbesserung.

 

Klassische Bedenken gegen kultiviertes Fleisch

„Kultiviertes Fleisch ist unnatürlich.“ Diese Aussage geht davon aus, dass alles unnatürliche schlecht, und alles natürliche gut sei. Eine solche Annahme stünde konsequenterweise auch beispielsweise medizinischen Eingriffen ablehnend gegenüber. Technische Weiterentwicklung als unnatürlich und somit nicht nutzenswert einzustufen kann im Ergebnis nicht überzeugen. Zudem stellt sich insbesondere die Frage, wie natürlich die konventionelle Fleischproduktion mit Massentierhaltung eigentlich ist.

„In-vitro-Fleisch führt zu einer Entfremdung zwischen Mensch und Tier.“ Die Entfremdung zwischen Mensch und Tier hat längst stattgefunden. Fleisch begegnet uns heute fertig abgepackt nicht selten in Form von Bärchen oder Gesichtern. Das Endprodukt Fleisch ist so weit wie möglich vom ursprünglichen Tier abstrahiert. Insoweit ist in-vitro-Fleisch nur ein weiterer Schritt.

„In-vitro-Fleisch wird die zentrale Rolle von Fleisch in der menschlichen Ernährung nicht schwächen.“ Das Fleischparadigma, also die gesellschaftliche Selbstverständlichkeit und Normalität, Fleisch zu konsumieren, würde nicht in Frage gestellt werden und stünde somit weiterhin im Widerspruch zum ethischen Veganismus.

Wenn man von einem rein pflanzlichen Nährmedium ausginge, würden zwar weiterhin Tiere für die Stammzellenentnahme benötigt, jedoch steht die massive Reduzierung tierischen Leids dem ethischen Veganismus nicht entgegen. Die Idee einer fleischlosen Gesellschaft wird wohl auch noch für eine längere Zeit eine solche bleiben, sodass im Ergebnis jeder Schritt hin zu weniger Tierproduktion auch aus einer ethisch veganen Sicht Unterstützung finden sollte.

„Solange die Produktion von in-vitro-Fleisch auf Kälberserum angewiesen ist, stellt in-vitro-Fleisch keinen ethischen Fortschritt dar.“ Dem lässt sich entgegenhalten, dass eine Reduzierung tierischen Leids jedenfalls ein Fortschritt ist. Weiterhin ist derzeit ohnehin davon auszugehen, dass fötales Kälberserum nur während des Forschungsprozesses verwendet wird und mit Marktreife eine pflanzliche Alternative zur Verfügung steht.

 

Unser Fazit

Die Produktion von in-vitro-Fleisch und eine damit einhergehende Abkehr von konventionellem Fleisch birgt enormes ökologisches und ethisches Potential. Brandrodungen – i.d.R. für Tierfuttermittel –würden sich erübrigen. Der Großteil der Agrarflächen würde frei werden und könnte für Nahrungsmittelanbau genutzt werden. Wasserverbrauch sowie Wasserverschmutzung würde signifikant sinken. Auch wenn Bedenken hinsichtlich des hohen Energieverbrauchs oder des derzeit noch notwendigen Kälberserums bestehen: Unter dem Strich scheinen die Vorteile nach aktuellem Stand zu überwiegen.

Zweifellos bedarf es noch eines großen Forschungsaufwands und enormer Investitionen, um eine massenhafte Produktion von in-vitro-Fleisch gewährleisten zu können. Komplexere Fleischstrukturen die z. B. für ein Steak notwendig sind, sind noch nicht realisierbar. Wie die technischen Herausforderungen eines pflanzlichen Nährserums bewältigt werden können, ist noch offen. Die Kosten für einen in-vitro-Burgerpatty sind mit derzeit ca. 9 € immer noch deutlich höher als ein Patty aus konventionell erzeugtem Rindfleisch.

Dennoch halten wir den Ansatz, die konventionelle Fleischproduktion durch die Produktion von in-vitro-Fleisch zu ersetzen, für richtig. Einige Unternehmen gehen davon aus, in-vitro-Burger innerhalb der kommenden zwei Jahre auf den Markt bringen zu können.

In-vitro-Produkte können bedeutenden gesellschaftlichen Fortschritt bedeuten. Denn der kulturell tief verankerte Fleischkonsum, der bislang das Töten empfindungsfähiger Wesen in billionenfacher Höhe voraussetzt, prägt unser Verhältnis zu sogenannten „Nutztieren“. Durch kultiviertes Fleisch entfällt dieses billionenfache systematische Töten. Das Leid der Tiere könnte in den Vordergrund rücken und es ergäbe sich Raum, die menschengemachte und willkürliche Unterscheidung zwischen Nutz- und Haustier zu überwinden.

Bis zu einer massentauglichen und marktreifen Produktion und möglicherweise auch darüber hinaus sind pflanzliche Fleischalternativen die bessere Wahl. Bereits im Jahr 2010 hat das UN-Umweltprogramm festgestellt, dass eine wesentliche Reduzierung der Auswirkungen des Klimawandels nur mit einem grundsätzlichen globalen Ernährungswechsel – weg von tierischen Produkten – möglich ist.  Insgesamt wird jedoch ein großer Teil der Verbraucher nicht ohne Fleisch leben wollen, sodass in-vitro-Fleisch langfristig wesentlicher Bestandteil einer tierleidfreien Gesellschaft sein kann.