P3 Pflege am Abgrund

Ein ganzheitlicher Ansatz, der zeigt, warum das, was bisher umgesetzt und beschlossen wurde, nicht ausreichen wird und was verändert werden muss, um den Kollaps zu verhindern
Pflege, ein Wort, viele Assoziationen. Ein Wort mit vielen Seiten, ein Wort mit vielen Lebensrealitäten. Zum Beispiel die eines Angehörigen, der seine an Demenz erkrankten Eltern zu Hause pflegt und durch eine Pflegekraft die täglich vorbeikommt unterstützt und entlastet wird. Oder die Lebensrealität von Eltern, die Tage lang am Krankenbett ihres 17-jährigen Kindes wachen, in der Hoffnung, dass dieses wieder aus dem Koma erwacht. Auf der anderen Seite das Pflegepersonal, das mit den Eltern mitfühlt, ihnen Struktur gibt und als allzeit verfügbare Ansprechpartner zur Stelle ist. Jede dieser Lebensrealitäten zeigt, dass wir alle irgendwann an einem Zeitpunkt kommen, an dem entweder wir andere Menschen pflegen oder selbst auf die Pflege durch andre angewiesen sind.
Sicher können wir durch einen gesunden Lebensstil sowie Impfungen und regelmäßige Arztbesuche Vielem präventiv begegnen. Doch Einiges liegt eben auch außerhalb unseres Handlungsspielraumes. Den Ausbruch von Krankheiten können wir trotz der sich stetig weiterentwickelten Medizin nur in begrenzten Maßen präventiv entgegenwirken. Unfälle im Alltag und bei der Arbeit können dazu führen, dass wir egal ob alt oder jung von heute auf morgen auf die Hilfe von anderen angewiesen sind.
Dies zu realisieren ist wichtig, um sich bewusst zu machen, welche Rolle die Pflege für alle Menschen einnimmt. Egal ob als Angehörige, in einem Ehrenamt oder als ausgebildete Pflegekraft, die Pflege von Mitmenschen ist eine der tragenden Säulen, auf die unsere Gesellschaft aufgebaut ist. Daher sollte es jeden von uns interessieren, wenn diese tragende Säule am einstürzten ist.
Es ist keine Übertreibung, festzustellen, dass die Pflege und somit auch das Gesundheitssystem in Deutschland am Abgrund steht. Ein nüchterner Blick auf die Zahlen genügt, um die Ausmaße und Schwere der Probleme zu erkennen. Allein im Pflegedienst der Krankenhäuser fehlen laut einer Expertenschätzung der Hans-Böckler-Stiftung aktuell 100.000 Vollzeitäquivalente . Zwischen 2007 und 2017 ist die Zahl der gemeldeten Arbeitsunfälle von Beschäftigten in Pflegeberufen um knapp 50 Prozent gestiegen . Auswertungen von Krankheitsursachen zeigen, dass bei Berufstätigen in Pflegeberufen im Vergleich zu den Berufstätigen insgesamt besonders im Hinblick auf psychische Störungen und Erkrankungen des Bewegungsapparates erheblich mehr Fehltage erfasst werden .
Der Blick in die nahe Zukunft zeigt, dass wir nur noch ein schmales Handlungsfenster von ca. 5 Jahren haben. Denn wenn man davon ausgeht, dass der Personalbedarf in der Pflege nur von der demografischen Entwicklung abhängt, könnte allein der demografische Wandel dazu führen, dass bei konstanter Fortschreibung der Beschäftigungsstruktur ca. 200.000 Pflegekräften im Jahre 2025 fehlen werden . Dabei sind mögliche erhöhte Pflegefallwahrscheinlichkeiten noch nicht einmal miteinberechnet. Kann der stetig größer werdende Personalmangel nicht gestoppt oder zu mindestens deutlich verringert werden, ist davon auszugehen, dass sich die Personalentwicklung in der Pflege sehr bald zu einer nicht mehr aufzuhaltenden Abwärtsspirale entwickelt.
Trotz der prekären Situation in der Pflege werden weiterhin satte Gewinne von privaten Betreibern der Krankenhäuser und Pflegeheime eingefahren und die Privatisierung von Einrichtungen der öffentlichen Daseinsvorsorge schreitet stark voran. Rund 15% aller Übernahmen in Deutschland wurden im Jahr 2017 in der Gesundheitsbranche verzeichnet. Der Private Equity Monitor der Hans Böckler Stiftung weist dabei die negativen Auswirkungen auf die Personalentwicklung und die betriebliche Mitbestimmung nach . Dies zeigt deutlich, dass wir in unserem Gesundheitssystem auch ein systemisches Problem haben. Denn der Mensch und seine Gesundheit werden im aktuellen System dem Gewinnstreben des Marktes untergeordnet. Dies ist eine der Hauptursachen, die zur heutigen prekären Lage des Gesundheitssystems geführt haben. Wenn die gegebenen Probleme nachhaltig gelöst werden sollen, muss ein grundsätzlicher Systemwechsel eingeläutet werden. Pflege muss wieder als Daseinsvorsorge verstanden werden und das System muss dem Ganzen Rechnung tragen, indem es den Menschen und dessen Gesundheit immer an erster Stelle setzt. Zusammen mit einem ganzheitlichen Ansatz, der alle relevanten Bereiche in unser Gesundheitssystem miteinbezieht, kann der Schritt in den Abgrund und somit zum Kollaps des Systems verhindert werden.
Prävention und Teilhabe
Ein wichtiger Teil der Lösung ist eine gute Präventionspolitik im Bund, im Land und vor Ort. Wenn sich die Pflegefallwahrscheinlichkeit mit steigender Lebenserwartung auch nach hinten verschiebt, könnte laut einer Studie des Statischen Bundesamtes und des Bundesinstitutes für Berufsbildung der Bedarf an Pflegevollkräften im Jahr 2025 auf 140.000 statt 200.000 Pflegekräfte ansteigen. Im Klartext bedeutet dies, dass eine bessere gesundheitliche Verfassung der Bevölkerung durch präventive Maßnahmen dazu führt, dass die Menschen zu einem wesentlich späteren Zeitpunkt auf eine professionelle Pflege angewiesen sind. Dass dies kein Selbstläufer ist, zeigt ein Blick in die Pflegestatistik von 2011. In dieser zeigt sich, dass bereits ab dem sechzigsten Lebensjahr eine kontinuierliche Steigerung der Pflegebedürftigkeit zu verzeichnen ist. Zwischen dem 85 und 89 Lebensjahr liegt die Pflegebedürftigkeit bei Frauen bereits bei 41,9 Prozent und bei Männern bei 28,6 Prozent . Geht man davon aus, dass unsere Gesellschaft immer älter wird und keine umfangreichen altersgerechten Präventionsmaßnahmen initiiert werden, verschlimmert sich die Personalsituation in der Pflege noch wesentlich gravierender. Dass Menschen früh in ihrem Leben auf die Pflege anderer angewiesen sind, ist zum Teil auch auf die soziale Benachteiligung im Laufe eines Lebens zurückzuführen. Daher ist die Bekämpfung von Armut, Bildungsferne und den daraus resultierenden Beschränkungen der gesellschaftlichen Teilhabe eine wichtige Aufgabe der Gesundheitsförderung und Prävention, auch für ältere Menschen. Es geht um eine Politik der Lebensphasen für alle Generationen. Dabei werden die Kommunen in der Entwicklung und Durchführung nationaler Präventionsprogramme als Orte des Gesundheitshandelns eine größere Rolle spielen. Gute Ansätze in der Präventionspolitik gibt es auf allen Ebenen, egal ob auf Bundesebene mit dem Gesetz zur Stärkung der Gesundheitsförderung und Prävention (Präventionsgesetz – PrävG) von 2015 oder auf Landeseben mit dem Projekt „mobisaar“ , das in Projekten vor Ort in den Kommunen integriert werden kann. Allerdings gibt es noch Nachholbedarf bei der Umsetzung und Weiterentwicklung der verschiedenen Programme und Gesetze.
Daher fordern wir:
– Förderung intersektoraler Zusammenarbeit auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene.
– Unterstützung beim Aufbau von Netzwerken, bei der Einbindung lokaler Kompetenzen und bei der Entwicklung von Handlungsempfehlungen zur Prävention vor Ort.
– Finanzierung flächendeckender, nachhaltiger, lösungsorientierter und vor allem qualitätsgesicherter Präventionsprojekte.
– Zügige Veröffentlichung und Umsetzung des im Kollationsvertrag vereinbarten Aktionsplan gegen Fettleibigkeit
– Ausbau der Forschung gegen multiresistente Keime und kontinuierliche Weiterentwicklung von DART (Deutsche Antibiotika-Resistenzstrategie)
– Zügige Umsetzung des im Kollationsvertrag vereinbarten Nationalen Gesundheitsportals, um für die Patientinnen und Patienten eine verlässliche, unabhängige, umfassende und benutzerfreundliche Anlaufstelle im Internet zu schaffen.
– Deutschlandweiten Ausbau von Pflegestützpunkten mit integrierter Pflegberatung und Anlaufstelle für die Ambulante Pflege.
– Deutschlandweite Einführung von präventiven Hausbesuchen.
– Einführung eines kostenlosen ÖPNV für eine bessere gesellschaftliche Teilhabe.
Ausbildung in der Pflege
Die Ausbildung in der Pflege ist der Dreh und Angel Punkt der zukünftigen Personalentwicklung in der Pflege. Quereinsteiger in das Berufsfeld können dabei eine Bereicherung für die Pflege sein und Teil der Lösung des Personalmangels werden. Auch die Akquirierung von Pflegepersonal aus dem Ausland kann, wenn auch nur in einem sehr begrenzten Maßstab, zu einer besseren Personalentwicklung in der Pflege in Deutschland beitragen. Dabei ist das Projekt „Tripel Win“, eine Kooperation der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit zur nachhaltigen Gewinnung von Pflegekräften aus dem Ausland ein guter Anfang . Die gesetzlichen Rahmenbedingungen rund um die Ausbildung in der Pflege wurde durch ein neues Pflegeberufsgesetz stark verändert. Inhaltliche Details zur neuen Ausbildung wurden wie bei jedem Lehrberuf in einer 2018 verabschiedeten Ausbildungs- und Prüfungsverordnung festgelegt. Dabei ist festzuhalten, dass einige durchaus gute Punkte in dem neuen Gesetz und der Verordnung Einzug gefunden haben. So ist zum Beispiel die Erhöhung der Stunden der Praxisanleiter-Weiterbildung und die Festlegung eines Mindestumfangs der praktisch beruflichen Ausbildung als Praxisanleitung auf 10%, positiv zu nennen . Allerdings zeigen diese Beispiele auch die in vielen Teilen des Gesetzes vorhandenen Mängel. So gilt der Mindestumfang von 10% des Praxisanteils der beruflichen Ausbildung als Praxisanleitung nicht bei der hochschulischen Pflegeausbildung. Ähnlich Ausnahmen gibt es bei der Einführung der Generalistik in der Pflege. Anstatt eine wirkliche generalistischen Ausbildung einzuführen, die den deutschen Sonderweg einer Dreiteilung des Pflegeberufes endlich beenden würde, wird ein Sonderweg der Ausbildung im Bereich der Altenpflege eingeführt .
Mit seiner Kritik an dem Gesetz zeigt Kammerpräsident Dr. Markus Mai von der Pflegekammer Reinland-Pfalz die dabei zugrundeliegende Problematik der Ausgestaltung des Gesetzes:
„Solange die Entscheidungsträger in Berlin die elementaren Bestandteile einer an Versorgungsqualität ausgerichteten Pflegeausbildung den wirtschaftlichen Interessen von Arbeitgeberverbänden preisgeben, kann eine zukunftsfähige Pflegeausbildung nicht gewährleistet werden.“
Wirtschaftliche Interessen sind nicht nur bei der Ausgestaltung, sondern auch bei der Umsetzung des Gesetzes als Hindernis anzusehen. Dies zeigen zum Beispiel die Gespräche rund um die Finanzierung der zusätzlichen Stellen in der Pflegeausbildung und der höheren Vergütungen. So konnte in Bremen, Stand Juli 2019, noch keine Einigung zwischen Kostenträgern, Krankenkassen und dem Land Bremen gefunden werden, um die Finanzierung der eigentlich 2020 beginnenden neuen bundesweiten Ausbildung sicherzustellen .
Daher fordern wir:
– Eine vollständig generalistische Ausbildung in der Pflege, um den deutschen Sonderweg einer Dreiteilung des Pflegeberufes endlich zu beenden.
– Wenn keine Einigung über die Finanzierung der zusätzlichen Stellen in der Pflegeausbildung und der höheren Vergütung zwischen den Trägerorganisationen der Pflegeausbildung gefunden werden kann, muss die Finanzierung auf Landesebene sichergestellt werden. Dabei müssen die zusätzlichen Kosten vom Bund übernommen werden.
– In Ausbildungseinrichtungen müssen 20% der Pflegenden Praxisanleiter*innen sein, um Praxisanleitung aller Auszubildenden sicherstellen zu können.
– Einsetzung einer Kommission, die gemeinsam mit beruflichen Interessensvertreter*innen, Vertreter*innen der Berufsschulen und pflegepädagogischen Expert*innen Vorschläge für einen bundesweiten Lehrplan entwickelt.
– Eine deutliche Erhöhung der Bundesmittel an die Länder, welche zweckgebunden zur Forschungsförderung im Pflegebereich einzusetzen sind.
– Abschaffung von §113a SGB um zukünftig die Festlegung des fachlichen Niveaus pflegerischen Handelns in die Hände der Berufsgruppe zu geben.
– Klare Regelungen, welche Aufgaben an Krankenpflegehelfer*innen und sich in Ausbildung befindende Gesundheits- und Krankenpfleger*innen delegiert werden können.
– Intensivierung der Gewinnung qualifizierter Pflegefachkräfte aus dem Ausland durch das bundesweite Projekt „Triple Win“ unter der Berücksichtigung des Verhaltenskodex der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur internationalen Rekrutierung von Gesundheitsfachpersonal und der damit verbundenen Verpflichtung, nur Pflegekräfte aus Ländern mit einem Fachkräfteüberschuss zu rekrutieren.
– Bei Quereinsteigern in das Berufsfeld sollte die Aufklärung über die Inhalte und Intensität der Ausbildung verbessert werden. Auch Information und Aufklärung über die neuen Ausbildungsmöglichkeiten gegenüber der Praxiseinrichtungen sollten ausgeweitet werden.
– Die Entwicklung gemeinsamer Kriterien und Standards bei der Bewerberauswahl für Arbeitsagenturen, Fachschulen und Einrichtungen, um dadurch „geeigneten“ Quereinsteiger*innen den Zugang zur Ausbildung und Praxisstelle deutlich zu erleichtern und Enttäuschungen seitens der verschiedenen Akteure entgegenzuwirken.
Alltag der Pflege vor Ort, im Altenheim und im Krankenhaus
Das neue Gesetz zur Stärkung des Pflegepersonals (Pflegepersonal-Stärkungsgesetz – PpSG) kann man als Schritt in die richtige Richtung bezeichnen. Es zielt darauf ab, Verbesserungen im Alltag der Pflegekräfte durch eine bessere Personalausstattung und bessere Arbeitsbedingungen in der Kranken- und Altenpflege zu erreichen. Positiv hervorzuheben, ist beispielsweise die vollständige Finanzierung zusätzlicher Stellen und Tarifsteigerungen, die Verbesserung der Rahmenbedingungen für mehr Ausbildungsplätze sowie die Stärkung von Maßnahmen zur betrieblichen Gesundheitsförderung im Bereich der Pflege . Diese im Gesetz verankerten Maßnahmen reichen aber bei weitem nicht aus, um die prekäre Situation in der Pflege wirklich zu beenden. Verdi. , DGB und die Landespflegekammer Rheinland-Pfalz kommen bei ihren Stellungnahmen zu dem Gesetz zu einer ähnlichen Schlussfolgerung. Auch die Ergebnisse der Konzertierten Aktion Pflege sind grundsätzlich positiv zu bewerten. So ist die Einführung eines bundesweit geltenden Tarifvertrages ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Auch die Breite Allianz von Arbeits-, Gesundheits- und Familienministerium unter deren Dach die Konzertierte Aktion Pflege Maßnahmen entwickelt hat, ist ein guter Schritt in die richtige Richtung, da erstmals Lösungen im Bereich der Pflege mit einem ganzheitlichen, politischen Ansatz angegangen werden . Gerade darin, dass der Bereich Pflege eben erstmals ganzheitlich politisch betrachtet und angepackt wird, liegt allerdings auch die Problematik. Dass nach jahrelangen, halbherzigen Maßnahmen und leeren Versprechungen seitens der Politik erst jetzt, an einem Punkt, an dem die Pflege kurz vor dem Kollaps steht, eine ernstzunehmende Initiative seitens der Politik wahrzunehmen ist, führt zu einem weiteren Problem. Dieses Problem nennt sich fehlendes Vertrauen. Vertrauen in die Politik, welches das Pflegepersonal und angehende Auszubildende verloren haben. Denn es mag stark bezweifelt werden, dass die verantwortliche Politik diese vorgeschlagenen Maßnahmen auch wirklich konsequent umsetzt und nicht wieder vor den finanziellen Interessen der Pflegeindustrie einknickt. Zu einer ähnlichen Schlussfolgerung kommt auch Sylvia Bühler, Mitglied im ver.di-Bundesvorstand:
„Die Beschäftigten müssen sich darauf verlassen können, dass sich ihre Situation Zug um Zug bessert. Die professionell Pflegenden werden die Ergebnisse der Konzertierten Aktion Pflege daran messen, was in ihrem Arbeitsalltag ankommt. Vor allem in der Altenpflege müssen die Entgelte für diese verantwortungsvolle und oft auch anstrengende Arbeit deutlich angehoben werden. Und es muss Schluss sein mit der ständigen Überlastung durch zu wenig Personal. Es war richtig, alle Verantwortlichen in der Konzertierten Aktion zusammen zu holen, am Ende sind die getroffenen Ergebnisse aber Kompromisse. Und angesichts der kritischen Lage hätte ich den Beschäftigten entschlossenere Maßnahmen gewünscht.“
Dass die privaten Verbände der Einrichtungsträger und das Deutsche Rote Kreuz sich gegen einen deutschlandweiten, allgemeinverbindlichen Tarifvertrag in der Langzeitpflege positionieren , fördert nicht gerade das Vertrauen, dass in Kooperation mit den privaten Verbänden der Einrichtungsträger ein wirklicher Richtungswechsel in der Pflege zu erreichen ist. Das Interesse der Verbände, satte Gewinne aus der gesundheitlichen Versorgung von Menschen zu ziehen, steht im Wiederspruch zu dem Ziel der Pflege, einen am Wohl des Menschen orientierten Pflegealltag zu erreichen. Dass das jetzige System nicht die Gesundheit des Einzelnen, sondern den Gewinn und die Rentabilität des Systems im Blick hat, zeigt auch der Blick in den Sektor der Osteuropäischen Pflegehilfen. Eine neue Studie zur Schwarzarbeit in der häuslichen Pflege kommt zu dem Ergebnis, dass momentan in Deutschland mindestens 150.000 Pflegekräfte irregulär beschäftigt sind. In der Studie wird auch klargestellt, dass Familien, die eine Pflegkraft bei sich zuhause illegal anstellen, aus finanzieller und moralischer Not heraus handeln .
Daher fordern wir:
– Die in der Konzertierten Aktion Pflege gesammelten Punkte müssen konkretisiert und staatlich schnellstmöglich umgesetzt werden.
– Eine deutliche Erhöhung der Löhne für Beschäftigte im Pflegeberuf. Gleichzeitig soll darauf geachtet werden, dass damit keine Reduktion der Arbeitsplätze einhergeht. Hierfür müssen sich sowohl Gewerkschaften, als auch die Arbeitgeberseiten aus Bund und Ländern einsetzen.
– Die Einführung eines deutschlandweiten, allgemeinverbindlichen Tarifvertrags in der Langzeitpflege, um die regional starken Unterschiede der Arbeitsbedingungen anzugleichen.
– Höhere Zuschläge bei Nacht-, Wochenende- und Feiertagsdiensten, um ansatzweise gegenüber der in der verarbeiteten Industrie gezahlten Zulagen wettbewerbsfähig auf dem Arbeitsmarkt zu sein.
– Eine offene Debatte über die Einführung der Rente ab 60 in der Pflege, um damit auch zusätzlich einen Anreiz zu schaffen, eine Ausbildung in der Pflege zu beginnen und um den besonderen physischen und psychischen Belastungen des Berufsfeld Rechnung zu tragen.
– Langfristig die Verringerung der Wochenarbeitszeit auf 30 Stunden, um ausreichend Freizeitausgleich zu gewährleisten.
– Eine bindende, gesetzliche Regelung für das Einrichten von Springerpools, um den Aufbau von Überstunden durch Einspringen aus dem geplanten Frei zu verhindern und notfalls kurzfristige Personalausfälle kompensieren können. Dabei muss die Rufbereitschaft bezahlt werden.
– Die Einführung einer verpflichtenden monatlichen Supervision für Pflegende, um die psychosozialen Anforderungen bei der Arbeit dauerhaft bewältigen zu können, indem die Reflektion des Erlebten in einem professionellen Rahmen vom Arbeitgeber ermöglicht wird.
– Kein weiteres Ignorieren der Schwarzarbeit in der häuslichen Pflege. Integration des Schwarzmarktes durch gesetzliche Rahmenbedingungen für Pflegehilfen aus Osteuropa und die Einführung einheitlicher Qualitätsstandards für alle Pflegehilfen, die in Deutschland arbeiten.
– Bundesweiter Aufbau und Unterstützung von Programmen in der Ambulanten Pflege nach dem Vorbild „BUURTZORG“ aus den Niederlanden, Gemeindeschwesterplus aus Rheinland-Pfalz und dem AGnES-Konzept aus Sachsen-Anhalt, um dadurch den Pflegefachkräften ihren Beruf wieder zu geben.
Das System hinter den Pflegenden und den zu Pflegenden
Pflege gehört zur Daseinsvorsorge. Die Gesundheit der Pflegenden und der zu Pflegenden sollte im Mittelpunkt jedes Gesundheitssystems stehen. Stellt man diese Prämisse an den Anfang jeglicher Überlegungen rund um das deutsche Gesundheitssystem, so kann man nach einer Bestandsaufnahme des aktuellen Systems letztendlich nur zu der Schlussfolgerung kommen, dass im aktuellen System genau das Gegenteil als Leitfaden gilt. Die aktuelle Prämisse unseres Gesundheitssystems heißt Wirtschaftlichkeit vor Gesundheit des Einzelnen.
Profit vor Menschlichkeit, egal ob bei der Personalbesetzung oder der Abrechnung der verschiedenen Maßnahmen im Diagnosis Related Groups (DRG)-System . Auch die neue Pflegepersonaluntergrenzen-Verordnung (PpUGV) orientiert sich weiterhin an der alten Prämisse, in dem diese weiterhin normative Vorgaben für eine Soll-Besetzung aus der vorhandenen Ist-Besetzung ableitet . Die verabschiedete Verordnung trifft seit ihrer Einführung auf breite Kritik, unteranderem von ver.di, DGB und dem Deutschen Pflegerat. Dabei wird kritisiert, dass in der Verordnung keine externe Überprüfung der Richtigkeit der weitergeleiteten Angaben aus den Kliniken [der monatlichen Durchschnittswerte der PpUGV] vorgesehen ist . Auch die Tatsache, dass die Personaluntergrenzenverordnung nur für bestimmte Stationen im Krankenhaus gilt, wird bemängelt. Dies in Kombination mit den fehlenden Kontrollen führt dazu, dass Personal zwischen Stationen hin und her verschoben wird, sodass es auf dem Papier so aussieht, als würden Untergrenzen eingehalten werden . Nicht nur die Verordnung selbst stößt auf breite Kritik, auch der Ablauf, der zur Einführung der Personaluntergrenze geführt hat, wird mit Unverständnis zur Kenntnis genommen. Kernpunkt der Kritik ist die Vereinbarung von GKV-SV und DKG, die Vorgaben vereinbaren wollten, welche keine bedarfsgerechte und ausreichende Pflege sicherstellen, sondern lediglich eine Minimalbesetzung vorsehen. Dies führte letztendlich auch zum Scheitern der Verhandlungen rund um ein echtes Personalbemessungsverfahren. Dabei zeigt sich, dass die wirtschaftlichen Interessen der Akteure im Gesundheitssystem verhindert haben, dass es zu einer echten Verbesserung in der Pflege kommt. Daraus erschließt sich eine grundsätzliche Problematik, welche sich wie ein roter Faden durch alle forcierten Lösungsansätze rund um den Bereich Pflege zieht. Das Streben nach Gewinnen und Rentabilität ist grundsätzlich nicht vereinbar mit dem Ziel einer am Wohl des Menschen orientierten Pflege. Auch das zugrundeliegende Abrechnungssystem, welches im gesamten Gesundheitssystem angewendet wird, das sogenannte DRG System, stellt ökonomische Interessen vor die Gesundheit des Einzelnen. Dabei werden normierte Fallpauschalen über jeden Fall gestülpt, ohne wirklich auf die Individuelle Bedürfnisse der Patient*innen einzugehen. Dies zeigt, dass unter dem Ziel einer humanen, am Wohl des Menschen orientierten Pflege eine grundsätzliche Veränderung des Gesundheitssystems unvermeidbar ist. Die Präsidentin des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe bringt es mit ihren Appell an die Politik auf den Punkt:
„Statt immer nur halbherzig Symptome zu bearbeiten, sollte die Politik in Bund, Ländern und Kommunen endlich den Grundsätzlichen Systemwechsel einleiten, bevor die Krankenhausversorgung vollständig kollabiert.“
Daher fordern wir:
– Die vom Deutschen Pflegerat (DPR), der Deutsche Krankenhausgesellschaft und der Gewerkschaft Verdi entwickelten Personalbemessungsverfahren ,die als zeitnahe Zwischenlösungen angedacht sind, sollten schnellst möglich umgesetzt werden, um spürbare Verbesserungen im Alltag des Pflegepersonals zu ermöglichen und somit verlorenes Vertrauen gegenüber den politischen Handlungsträgern und der Zukunft der Pflege im Allgemeinen wieder aufzubauen. Mittel- und langfristig müssen starre Fachkraftquoten durch analytische Verfahren abgelöst werden, die quantitativ und qualitativ bestimmen, wieviel Pflege mit welcher Qualifikation notwendig ist. Dabei muss bei der Neuverteilung der Aufgaben zwischen allen Pflegeberufen auf das sehr gute Kompetenzniveau der professionellen Pflege zurückgegriffen werden.
– Das Fallpauschalensystem muss ersetzt oder zumindest grundlegend reformiert werden, damit die ökonomisch gesteuerte, gefährliche Übertherapie sowie die Unterversorgung von Patient*innen gestoppt wird und ein Mindestlohn von 14 Euro muss zeitnah eingeführt werden.
– Den Stopp von Privatisierungen in der Gesundheitsbranche, eine Rückführung von Pflegheimen und Krankenhäusern in staatliche Hand, damit der Staat die Möglichkeit hat, Krankenhäuser und Pflegeheime dort zu planen und gut auszustatten, wo sie wirklich notwendig sind.