B3 Pflegeberufe stärken und zukunftsfähig machen

Status:
mit Änderungen angenommen

In Anbetracht der historischen Entwicklung ist es nicht weiter verwunderlich, wie der Beruf, der seit Novellierung des KrPflG 2004 die Bezeichnung „Gesundheits-und Krankenpfleger*in“ trägt, in der Gesellschaft wahrgenommen wird: als ärztlicher Assistenzberuf, der eine gewisse Leidensbereitschaft, Aufopferung und Fürsorglichkeit vereint und sich darüber hinaus mit der qualifikations- und  arbeitsunangemessenen Bezahlung zufrieden gibt.

Erst nach dem zweiten Weltkrieg wurde in Westdeutschland 1957 die Krankenpflegeausbildung als 2-jährige Ausbildung mit einem anschließenden Anerkennungsjahr gesetzlich festgeschrieben.
1985 kam es zu einer entscheidenden Entwicklung in der Ausbildung der Krankenpflege: die Einführung des Pflegeprozesses und die Abkehr von der Einteilung in Grund- und Behandlungspflege im Pflegeberufegesetz. Die Überwindung dieser, bereits damals von Pflegewissenschaftler*innen abgelehnten, Einteilung konnte jedoch bis heute nicht gelingen, da diese Begriffe nach wie vor in den Sozialgesetzbüchern V und XI definiert sind. Die Vorstellung der Höherwertigkeit der Behandlungspflege ist nach wie vor im öffentlichen Bewusstsein verankert, so ist die Anerkennung für technische, arztnahe Pflegetätigkeiten höher als die der Grundpflege, denn „Pflegen kann jede(r)“ – das ist falsch. Laienpflege, also die meist von Angehörigen durchgeführte Pflege kommt ohne fachliche Qualifikation aus, wobei für pflegende Angehörige von den Pflegekassen zunehmend Pflegekurse  angeboten werden. Professionelle  Pflege  fördert  und  erhält  Gesundheit,  beugt  gesundheitlichen Schäden vor und unterstützt Menschen in der Behandlung und im Umgang mit  Auswirkungen von Krankheiten und deren Therapien. Dies mit dem Ziel, für betreute Menschen die bestmöglichen Behandlungs- und Betreuungsergebnisse sowie die bestmögliche Lebensqualität in allen Phasen des Lebens bis zum Tod zu erreichen.[4]
Seit den 90er Jahren gewinnt die Akademisierung des Pflegeberufes zunehmend an Bedeutung.
Dabei geht es keinesfalls darum, die 3-jährige duale Ausbildung abzulösen oder die studierten Pflegekräfte weg vom Patient*innenbett zu bekommen. Auch geht es nicht darum, weitere ärztliche Aufgaben zu übernehmen. Ziel ist es vielmehr, durch einen Prozentsatz von ca. 10% studierten Pflegekräften eigenständige pflegerische Forschung und die Umsetzung pflegefachlicher Erkenntnisse voranzutreiben. Studierte Pflegekräfte sind, sollen und wollen keine Hilfsärzt*innen sein, dennoch ist diese Entwicklung für die Emanzipation vor dem ärztlichen Beruf hilfreich.
Die Pflege hat mittlerweile eine solide wissenschaftliche Basis, die in den letzten Jahrzehnten immer breitgefächerter wurde. Die deutschsprachigen Länder sind zunehmend dabei den Vorsprung der angelsächsischen Länder in der Pflegewissenschaft aufzuholen. Die Krankenpflegeausbildung gehört zu den anspruchsvollsten Ausbildungen der nichtakademischen Berufe.
Es ist an der Zeit, Pflegekräften vorbehaltene Tätigkeiten per Gesetzestext zu normieren. Dies würde dazu führen, dass beispielsweise die Pflegeplanung als Bestandteil des Pflegeprozesses in Krankenhäusern umgesetzt werden müsste. Daran orientiert könnte die Erhebung pflegerischen Versorgungsbedarfes, umgerechnet in Zeitfaktoren, die Argumentationsgrundlage für die Pflegekräfte-Patient*innen-Schlüssel liefern. Dies würde, anders als ein gesetzlich verallgemeinerter Betreuungsschlüssel, die Betreuungsintensität unterschiedlicher Fachbereiche abbilden.

Ein zentrales Problem der Pflegeberufe ist der Fachkräftemangel. Dieser wird sich weiter verschärfen, je älter die Bevölkerung wird. Bis zum Jahr 2050 wird mit einem Anstieg der Anzahl pflegebedürftiger Menschen in Deutschland um 88% gerechnet.[5] Das gesellschaftliche Ansehen des Berufes ist hoch, trotzdem ist es schwierig, Nachwuchs zu gewinnen. Auch die  Verweildauer im Beruf nach Abschluss der Ausbildung ist ein Problem: nur durchschnittlich sieben Jahren bleibt eine Pflegekraft im Ausbildungsberuf.
Der am 22. Juni 2017 im Bundestag beschlossene und vom Bundesrat ebenfalls angenommene Reform der Pflegeberufe beinhaltet eine grundlegende Neuerung: die Generalistik. „Das Pflegeberufegesetz löst ab dem 1. Januar 2020 das Altenpflegegesetz und das Krankenpflegegesetz ab. Ziel ist es, die Ausbildung zur Pflegefachkraft zu modernisieren, attraktiver zu machen und den Berufsbereich der Pflege insgesamt aufzuwerten.“ So steht es auf der Homepage des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Das Pflegeberufegesetz ist eine Mogelpackung. In den beiden ersten Ausbildungsjahren sollen die drei Schwerpunkte der Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege gleichwertig vermittelt werden, es ist jedoch schon während der ersten beiden Ausbildungsjahre ein Vertiefungseinsatz vorgesehen. Die Spezialisierung findet im dritten Ausbildungsjahr statt und sieht die drei Vertiefungsmöglichkeiten zur Pflegefachfrau oder zum Pflegefachmann, zur*zum Gesundheits-und Kinderkrankenpfleger*in oder zum*zur Altenpfleger*in vor. Dementsprechend sind in den ersten beiden Ausbildungsjahren schon praktische Einsätze in allen drei Bereichen vorgesehen. Die ersten Schwierigkeiten in der Umsetzung sind bereits absehbar, da es naturgemäß erheblich weniger Kinderkliniken als Altenpflegeeinrichtungen gibt. Damit kann die angepriesene Verbesserung der Praxisanleitung niemals umgesetzt werden. Das neue Pflegeberufegesetz findet auch an dieser Stelle schwammige Formulierungen:

7 Pflegeberufsgesetz, Durchführung der praktischen Ausbildung                                                                   (2) Die Pflichteinsätze in den speziellen Bereichen der pädiatrischen Versorgung und der allgemein-, geronto-, kinder- oder jugendpsychiatrischen Versorgung sowie weitere Einsätze können auch in anderen, zur Vermittlung der Ausbildungsinhalte geeigneten Einrichtungen durchgeführt werden.

Welche Einrichtungen geeignet sind, soll wiederrum landesrechtlich geregelt werden. Um nach dreijähriger Ausbildung praktisch arbeiten zu können und um Verantwortung für Patientinnen und Patienten, Bewohnerinnen und Bewohner übernehmen zu können, muss gewährleistet werden, dass während der Ausbildung zu sammelnde praktische Kompetenzen in dem Bereich erworben werden, für dessen Arbeitsfeld der Berufsabschluss letztlich qualifiziert. Ein erfreulicher Aspekt ist an dieser Stelle die Tatsache, dass 10% Anleitungszeit in Praxiseinsätzen für alle Auszubildenden gesetzlich garantiert werden soll. Sichergestellt werden kann diese Praxisanleitung allerdings nur, wenn ausreichend Praxisanleiter*innen vorhanden sind. Um das zu garantieren muss gesetzlich definiert werden, wie der Betreuungsschlüssel von Auszubildenden und Praxisanleiter*innen festgelegt werden kann.

Auch die Qualifikation der Lehrer*innen in den Berufsschulen wird abgesenkt:

9 Pflegeberufsgesetz, Mindestanforderungen an Pflegeschulen
(3) Die Länder können durch Landesrecht das Nähere zu den Mindestanforderungen nach Absatz 1 bestimmen und weitere Anforderungen festlegen. Sie können für die Lehrkräfte für die Durchführung des theoretischen Unterrichts nach Absatz 1 Nummer 2 zulassen, dass die erforderliche Hochschulausbildung nicht oder nur für einen Teil der Lehrkräfte auf Master- oder vergleichbarem Niveau vorliegen muss.[6]
Hier wird die Chance verpasst, einheitliche Standards für das gesamte Bundesgebiet zu garantieren. Stattdessen wird, mit der zweiten Änderung der Berufsbezeichnung in 20 Jahren, Verwirrung gestiftet. Auch werden die Berufsschulen in der Entwicklung neuer Lehrpläne alleine gelassen. Sie sollen Lehrpläne eigenverantwortlich erstellen. Das heißt, die Abschlüsse sind von Schule zu Schule, von Bundesland zu Bundesland, unterschiedlich. Es kann mit Recht bezweifelt werden, dass einheitliche Standards allein durch eine gemeinsame Prüfungsverordnung garantiert werden können.

Die Stärkung des Pflegeberufes muss auch abseits rechtlicher Grundlagen in der gesellschaftlichen Wahrnehmung gestärkt werden. Jede*r Pflegende*r kennt es: sobald im Bekanntenkreis der Beruf zur Sprache kommt, hagelt es mitleidige Blicke: schlechte Bezahlung, anstrengender Schichtdienst, Blut, Ausscheidung und Siechtum, Menschen herumwuchten, Rückenprobleme, Personalmangel, Überstunden. Das ist es meist, was von den alle Jahre wiederkehrenden gesellschaftspolitischen Diskussionen hängen bleibt. Dabei ist im Bewusstsein nicht einmal die seit 2004 geltende Berufsbezeichnung Gesundheits- und Krankenpfleger*in angekommen. Für die meisten Patientinnen und Patienten sind die versorgenden Pflegekräfte nach wie vor „die Schwester“ oder „der Pfleger“. Das wird durch die einleitend dargestellte Berufsentwicklung auf dem Stand seiner kirchlich geprägten Genese zementiert. Wir brauchen dringend eine Bundeskampagne, die die Arbeit als das darstellt, was sie ist:  das Verhandeln gesundheitlicher und persönlicher Krisen; ein geschulter Blick für etwaige Risiken, eine breites fachliches Wissen das situationsangemessen und eine verständliche Ebene findend mit Patient*innen und Bewohner*innen in Beratung, Anleitung oder Schulung vermittelt werden kann; hohe Organisationskompetenz; Handlungsfähigkeit in Notfallsituationen; die Beobachtungsfähigkeit von Auswirkungen pflegerischer oder auch medizinischer Maßnahmen; um nur einige Beispiele genannt zu haben.
Um all diesen Tätigkeiten im Berufsalltag gerecht zu werden, brauch es vor allem eines: Zeit. Durch die Ökonomisierung des Gesundheitswesens wird dies unmöglich gemacht. Vor allem in Krankenhäusern können Pflegeleistungen in der DRG[7]-Systematik nur über den Prozedurenschlüssel „hochaufwendige Pflege“ abgerechnet werden. Hochaufwendig ist daran allerdings vor allem auf die Pflegedokumentation. Pflege generiert durch ihre Arbeit keinen finanziellen Mehrwert für die Kliniken, kein Wunder also, dass an dieser Stelle gerne Personal eingesperrt wird.
Auch in der Ambulanten und Altenpflege für die

Forderungen:
–          Zum eigenverantwortlichen Arbeiten gehören auch Vorbehaltsaufgaben im rechtlichen Sinne. Diese Vorbehaltsaufgaben müssen sowohl im Krankenpflegegesetz als auch im SGB V gesetzlich verankert werden. Die im neuen Pflegeberufsgesetz in § 4 Vorbehaltene Tätigkeiten aufgeführten Aufgaben gehen nicht weit genug. Die in § 5 Ausbildungsziel (3) 1. a)-g) sollen zusätzlich als vorbehaltene Tätigkeiten gelten. Es soll eine Fachkommission eingerichtet werden, welche die konkreten praktischen Aufgaben daraus ableitet.
Weitergehend müsste definiert werden, welche Aufgaben an Krankenpflegehelfer*innen und sich in Ausbildung befindenden Gesundheits- und Krankenpfleger*innen delegiert werden können. Dadurch wird die berufliche Handlungskompetenz erhöht und das berufliche Selbstverständnis und die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit gestärkt.
–          Pflegekräfte über das Studium an Hochschulen und Universitäten zu bringen ist nur sinnvoll, wenn ausreichend Fördergelder seitens des Bundes zur Verfügung gestellt werden um an neuen Erkenntnissen zu forschen. Deswegen fordern wir eine deutliche Erhöhung der Bundesmittel an die Länder, welche zweckgebunden zur Forschungsförderung im Pflegebereich einzusetzen sind.
–          Die Einteilung in Grund- und Behandlungspflege muss aus den Sozialgesetzbüchern gestrichen werden und durch zeitgemäße, pflegewissenschaftlich aktuelle Definitionen ersetzt werden, die die Komplexität pflegerischen Handelns abbilden.
–          Der Pflegeberuf muss durch eine wesentlich bessere Bezahlung, orientiert an der TVÖD-Tabelle die Entgeltstufe P10 als Einstiegsgehalt für Berufsanfänger*innen monetär aufgewertet werden. Hierfür müssen sich sowohl Gewerkschaften, als auch die Arbeitgeberseiten aus Bund und Ländern einsetzen.
–          Des Weiteren ist die Verringerung der Wochenarbeitszeit auf 30 Stunden unumgänglich, um ausreichend Freizeitausgleich zu gewährleisten.
–          Um den Aufbau von Überstunden durch Einspringen aus dem geplanten Frei zu verhindern, hilft nur das Einrichten eines Springerpools, mit Kolleg*innen, die für Bereitschaftsdienste bezahlt werden und notfalls kurzfristige Personalausfälle kompensieren können. Dazu muss es eine bindende gesetzliche Regelung geben
–          Es soll eine Kommission eingerichtet werden, die gemeinsam mit beruflichen Interessensvertreter*innen, Vertreter*innen der Berufsschulen und pflegepädagogischen Expert*innen Vorschläge für einen bundesweiten Lehrplan entwickelt.
–          Um bundesweit einheitliche Standards der Pflegeausbildung zu gewährleisten, müssen auch bundeseinheitliche Regelungen für die Ausbildung gelten. Ein Problem am Pflegeberufegesetz ist es, dass oftmals ohne große Rahmenvorgaben Angelegenheiten an die Länder weiterdelegiert werden.
–          In Ausbildungseinrichtungen müssen 20% der Pflegenden Praxisanleiter*innen sein, um Praxisanleitung aller Auszubildenden sicherstellen zu können.
–          Wir fordern eine bundesweite Kampagne, die das Ziel hat, die gesellschaftliche Wahrnehmung des Berufes zu verbessern.
[1] Höppner 2004, S.23
[2] Stationsleitung, Pflegedienstleitung, Pflegedirektion
[3]  Es gab keine weiblichen Ärzte zu dieser Zeit, daher nicht gegendert
[4] Im Rahmen des Projektes “Zukunft Medizin Schweiz“ entwickelte Definition Professioneller Pflege
[5] Statistische Ämter des Bundes und der Länder, Demografischer Wandel in Deutschland, Heft 2, 2010
[6] Referentenentwurf Bundesgesundheits- und -familienministerium
[7] Diagnosis related groups

Änderungsanträge
Status Kürzel Zeile AntragstellerInnen Text PDF
mit Änderungen angenommen B3_Ä22 1 Hessen-Nord

Verschiebe Zeile 1 – 103 in die Begründung

Streiche in Zeile 138 “eine bundesweite Kampagne, die“ und ersetze durch “ein bundesweites Gesetz, welches“

Ersetze in Zeile 110 “müsste“ durch “muss“

 

abgelehnt B3_Ä6 30 Bremen

Streiche Zeilen 30-31 ab “Die Krankenpflegeausbildung“

abgelehnt B3_Ä23 82 Hannover, Braunschweig, Nord-Niedersachsen, Weser-Ems

Ergänze nach Seite 23, Zeile 82 „können.“:

„Die Zusammenlegung der Berufsbilder lehnen wir ab. Trotzdem muss jetzt daran gearbeitet werden wie mit der gültigen Gesetzeslage das Beste für die Beschäftigten herausgeholt werden kann.“

 

mit Änderungen angenommen B3_Ä1 121 Baden-Württemberg

Ersetze Zeile 121-122 durch:

“-Wir setzen uns ein für eine deutliche Erhöhung der Löhne für Beschäftigte im Pflegeberuf.
Gleichzeitig soll darauf geachtet werden, dass damit keine Reduktion der Arbeitsplätze einhergeht. “

angenommen B3_Ä7 127 Bremen

Ersetze in Zeile 127 “Bereitschaftsdienste“ durch “Rufbereitschaft“

Text des Beschlusses:

In Anbetracht der historischen Entwicklung ist es nicht weiter verwunderlich, wie der Beruf, der seit Novellierung des KrPflG 2004 die Bezeichnung „Gesundheits-und KrankenpflegerIn“ trägt, in der Gesellschaft wahrgenommen wird: als ärztlicher Assistenzberuf, der eine gewisse Leidensbereitschaft, Aufopferung und Fürsorglichkeit vereint und darüber hinaus mit qualifikations- und arbeitsunangemessener Bezahlung abgestraft wird.Dies geschieht auch aus dem historischen Grundgedanken der Fürsorge: Bevor Frauen am Arbeitsmarkt partizipieren und Lohn für ihre Arbeit einfordern konnten, blieb ihnen neben Erziehung und Hauswirtschaft nur die Fürsorge. Berufe der Fürsorge und Reproduktion sind seit jeher diejenigen Berufe, die zur vermeintlich natürlichen Rolle der Frau in der Gesellschaft gehörten und daher über Jahrhunderte nicht bezahlt waren: Sie leisteten die Arbeit, die zur Erschaffung und zum Erhalt der Gesellschaft notwendig sind. Lange wurden diese Leistungen nicht unter dem Begriff der Arbeit subsumiert. Erst durch den Zugang zu Bildung und die Errichtung von Hauswirtschaftsschulen für Frauen konnten sie Bezahlungen erkämpfen. Die niedrige Entlohnung der Pflegeberufe resultieren aus dieser Historie und markieren bis heute wirkende patriarchale Strukturen.

Erst nach dem zweiten Weltkrieg wurde in Westdeutschland 1957 die Krankenpflegeausbildung als 2-jährige Ausbildung mit einem anschließenden Anerkennungsjahr gesetzlich festgeschrieben.

1985 kam es zu einer entscheidenden Entwicklung in der Ausbildung der Krankenpflege: die Einführung des Pflegeprozesses und die Abkehr von der Einteilung in Grund- und Behandlungspflege im Pflegeberufegesetz. Die Überwindung dieser, bereits damals von PflegewissenschaftlerInnen abgelehnten, Einteilung konnte jedoch bis heute nicht gelingen, da diese Begriffe nach wie vor in den Sozialgesetzbüchern V und XI definiert sind. Die Vorstellung der Höherwertigkeit der Behandlungspflege ist nach wie vor im öffentlichen Bewusstsein verankert, so ist die Anerkennung für technische, arztnahe Pflegetätigkeiten höher als die der Grundpflege, denn „Pflegen kann jede(r)“ – das ist falsch. Laienpflege, also die meist von Angehörigen durchgeführte Pflege kommt ohne fachliche Qualifikation aus, wobei für pflegende Angehörige von den Pflegekassen zunehmend Pflegekurse  angeboten werden. Professionelle  Pflege  fördert  und  erhält  Gesundheit,  beugt  gesundheitlichen Schäden vor und unterstützt Menschen in der Behandlung und im Umgang mit  Auswirkungen von Krankheiten und deren Therapien. Dies mit dem Ziel, für betreute Menschen die bestmöglichen Behandlungs- und Betreuungsergebnisse sowie die bestmögliche Lebensqualität in allen Phasen des Lebens bis zum Tod zu erreichen.[4]

Seit den 90er Jahren gewinnt die Akademisierung des Pflegeberufes zunehmend an Bedeutung.

Dabei geht es keinesfalls darum, die 3-jährige duale Ausbildung abzulösen oder die studierten Pflegekräfte weg vom PatientInnenbett zu bekommen. Auch geht es nicht darum, weitere ärztliche Aufgaben zu übernehmen. Ziel ist es vielmehr, durch einen Prozentsatz von ca. 10% studierten Pflegekräften eigenständige pflegerische Forschung und die Umsetzung pflegefachlicher Erkenntnisse voranzutreiben. Studierte Pflegekräfte sind, sollen und wollen keine HilfsärztInnen sein, dennoch ist diese Entwicklung für die Emanzipation vor dem ärztlichen Beruf hilfreich.

Die Pflege hat mittlerweile eine solide wissenschaftliche Basis, die in den letzten Jahrzehnten immer breitgefächerter wurde. Die deutschsprachigen Länder sind zunehmend dabei den Vorsprung der angelsächsischen Länder in der Pflegewissenschaft aufzuholen. Die Krankenpflegeausbildung gehört zu den anspruchsvollsten Ausbildungen der nichtakademischen Berufe.

Es ist an der Zeit, Pflegekräften vorbehaltene Tätigkeiten per Gesetzestext zu normieren neben den schon vorhandenen (§4 im neuen Pflegeberufgesetz). Dies würde dazu führen, dass beispielsweise die Pflegeplanung als Bestandteil des Pflegeprozesses in Krankenhäusern umgesetzt werden müsste. Hierfür müssten Pflegerische Tätigkeiten differenziert betrachtet werden können und ein Unterschied zu den ärztlichen Tätigkeiten sowohl öffentlich als auch professionell dargestellt werden. Daran orientiert könnte die Erhebung pflegerischen Versorgungsbedarfes, umgerechnet in Zeitfaktoren, die Argumentationsgrundlage für die Pflegekräfte-PatientInnen-Schlüssel liefern. Dies würde, anders als ein gesetzlich verallgemeinerter Betreuungsschlüssel, die Betreuungsintensität unterschiedlicher Fachbereiche abbilden.

Ein zentrales Problem der Pflegeberufe ist der Fachkräftemangel. Dieser wird sich weiter verschärfen, je älter die Bevölkerung wird. Bis zum Jahr 2050 wird mit einem Anstieg der Anzahl pflegebedürftiger Menschen in Deutschland um 88% gerechnet.[5] Das gesellschaftliche Ansehen des Berufes ist hoch, trotzdem ist es schwierig, Nachwuchs zu gewinnen. Auch die  Verweildauer im Beruf nach Abschluss der Ausbildung ist ein Problem: nur durchschnittlich sieben Jahren bleibt eine Pflegekraft im Ausbildungsberuf.

Der am 22. Juni 2017 im Bundestag beschlossene und vom Bundesrat ebenfalls angenommene Reform der Pflegeberufe beinhaltet eine grundlegende Neuerung: die Generalistik. „Das Pflegeberufegesetz löst ab dem 1. Januar 2020 das Altenpflegegesetz und das Krankenpflegegesetz ab. Ziel ist es, die Ausbildung zur Pflegefachkraft zu modernisieren, attraktiver zu machen und den Berufsbereich der Pflege insgesamt aufzuwerten.“ So steht es auf der Homepage des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Das Pflegeberufegesetz ist eine Mogelpackung. In den beiden ersten Ausbildungsjahren sollen die drei Schwerpunkte der Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege grundlegend vermittelt werden, es ist jedoch schon während der ersten beiden Ausbildungsjahre ein Vertiefungseinsatz vorgesehen. Die Spezialisierung findet im dritten Ausbildungsjahr statt und sieht die drei Vertiefungsmöglichkeiten zur Pflegefachfrau oder zum Pflegefachmann, zur*zum Gesundheits-und KinderkrankenpflegerIn oder zum*zur AltenpflegerIn vor. Lediglich die Pflegefachmänner und Frauen können in allen Bereichen tätig sein. Gesundheit- und KinderkrankenpflegerInnen sind europaweit genauso wie AltenpflegerInnen, nicht anerkannt und müssen erneut eine Ausbildung im Ausland ablegen. Dementsprechend sind in den ersten beiden Ausbildungsjahren schon praktische Einsätze in allen drei Bereichen vorgesehen. Die ersten Schwierigkeiten in der Umsetzung sind bereits absehbar, da es naturgemäß erheblich weniger Kinderkliniken als Altenpflegeeinrichtungen gibt. Damit kann die angepriesene Verbesserung der Praxisanleitung niemals umgesetzt werden. Das neue Pflegeberufegesetz findet auch an dieser Stelle schwammige Formulierungen:

7 Pflegeberufsgesetz, Durchführung der praktischen Ausbildung                                                                   (2) Die Pflichteinsätze in den speziellen Bereichen der pädiatrischen Versorgung und der allgemein-, geronto-, kinder- oder jugendpsychiatrischen Versorgung sowie weitere Einsätze können auch in anderen, zur Vermittlung der Ausbildungsinhalte geeigneten Einrichtungen durchgeführt werden.

Welche Einrichtungen geeignet sind, soll wiederrum landesrechtlich geregelt werden. Die Verantwortung liegt aber im neuen Gesetz bei den TrägerInnen. Dies bedeutet das in Zukunft eventuell auch Einrichtungen über den Einsatz der Auszubildenden entscheiden können. Was eine vielfältige und somit gut fundierte Ausbildung verhindern könnte. Um nach dreijähriger Ausbildung praktisch arbeiten zu können und um Verantwortung für Patientinnen und Patienten, Bewohnerinnen und Bewohner übernehmen zu können, muss gewährleistet werden, dass während der Ausbildung zu sammelnde praktische Kompetenzen in dem Bereich erworben werden, für dessen Arbeitsfeld der Berufsabschluss letztlich qualifiziert. Ein erfreulicher Aspekt ist an dieser Stelle die Tatsache, dass 10% Anleitungszeit in Praxiseinsätzen für alle Auszubildenden gesetzlich garantiert werden soll. Sichergestellt werden kann diese Praxisanleitung allerdings nur, wenn ausreichend PraxisanleiterInnen vorhanden sind. Um das zu garantieren muss gesetzlich definiert werden, wie der Betreuungsschlüssel von Auszubildenden und PraxisanleiterInnen festgelegt werden kann.

Auch die Qualifikation der LehrerInnen in den Berufsschulen wird abgesenkt:

9 Pflegeberufsgesetz, Mindestanforderungen an Pflegeschulen

(3) Die Länder können durch Landesrecht das Nähere zu den Mindestanforderungen nach Absatz 1 bestimmen und weitere Anforderungen festlegen. Sie können für die Lehrkräfte für die Durchführung des theoretischen Unterrichts nach Absatz 1 Nummer 2 zulassen, dass die erforderliche Hochschulausbildung nicht oder nur für einen Teil der Lehrkräfte auf Master- oder vergleichbarem Niveau vorliegen muss.[6]

Hier wird die Chance verpasst, einheitliche Standards für das gesamte Bundesgebiet zu garantieren. Stattdessen wird, mit der zweiten Änderung der Berufsbezeichnung in 20 Jahren, Verwirrung gestiftet. Auch werden die Berufsschulen in der Entwicklung neuer Lehrpläne alleine gelassen. Sie sollen Lehrpläne eigenverantwortlich erstellen. Das heißt, die Abschlüsse sind von Schule zu Schule, von Bundesland zu Bundesland, unterschiedlich. Es kann mit Recht bezweifelt werden, dass einheitliche Standards allein durch eine gemeinsame Prüfungsverordnung garantiert werden können.

Die Stärkung des Pflegeberufes muss auch abseits rechtlicher Grundlagen in der gesellschaftlichen Wahrnehmung gestärkt werden. JedeR PflegendeR kennt es: sobald im Bekanntenkreis der Beruf zur Sprache kommt, hagelt es mitleidige Blicke: schlechte Bezahlung, anstrengender Schichtdienst, Blut, Ausscheidung und Siechtum, Menschen herumwuchten, Rückenprobleme, Personalmangel, Überstunden. Das ist es meist, was von den alle Jahre wiederkehrenden gesellschaftspolitischen Diskussionen hängen bleibt. Dabei ist im Bewusstsein nicht einmal die seit 2004 geltende Berufsbezeichnung Gesundheits- und KrankenpflegerIn angekommen. Für die meisten Patientinnen und Patienten sind die versorgenden Pflegekräfte nach wie vor „die Schwester“ oder „der Pfleger“. Das wird durch die einleitend dargestellte Berufsentwicklung auf dem Stand seiner kirchlich geprägten Genese zementiert. Wir brauchen dringend eine Bundeskampagne, die die Arbeit als das darstellt, was sie ist:  das Verhandeln gesundheitlicher und persönlicher Krisen; ein geschulter Blick für etwaige Risiken, eine breites fachliches Wissen das situationsangemessen und eine verständliche Ebene findend mit PatientInnen und BewohnerInnen in Beratung, Anleitung oder Schulung vermittelt werden kann; hohe Organisationskompetenz; Handlungsfähigkeit in Notfallsituationen; die Beobachtungsfähigkeit von Auswirkungen pflegerischer oder auch medizinischer Maßnahmen; um nur einige Beispiele genannt zu haben.

Um all diesen Tätigkeiten im Berufsalltag gerecht zu werden, brauch es vor allem eines: Zeit. Durch die Ökonomisierung des Gesundheitswesens wird dies unmöglich gemacht. Vor allem in Krankenhäusern können Pflegeleistungen in der DRG[7]-Systematik nur über den Prozedurenschlüssel „hochaufwendige Pflege“ abgerechnet werden. Hochaufwendig ist daran allerdings vor allem auf die Pflegedokumentation. Pflege generiert durch ihre Arbeit keinen finanziellen Mehrwert für die Kliniken, kein Wunder also, dass an dieser Stelle gerne Personal eingesperrt wird.

Es muss ein grundlegender Paradigmenwechsel in der Pflege vollzogen werden. Die Gesundheit der Menschen muss an erster Stelle stehen und nicht der Profit der ArbeitgeberInnen. Dafür braucht es entsprechende Rahmenbedingungen.

Forderungen:

–          Zum eigenverantwortlichen Arbeiten gehören auch Vorbehaltsaufgaben im rechtlichen Sinne. Diese Vorbehaltsaufgaben müssen sowohl im Krankenpflegegesetz als auch im SGB V gesetzlich verankert werden. Die im neuen Pflegeberufsgesetz in § 4 Vorbehaltene Tätigkeiten aufgeführten Aufgaben gehen nicht weit genug. Die in § 5 Ausbildungsziel (3) 1. a)-g) sollen zusätzlich als vorbehaltene Tätigkeiten gelten. Es soll eine Fachkommission eingerichtet werden, welche die konkreten praktischen Aufgaben daraus ableitet.

Weitergehend muss definiert werden, welche Aufgaben an KrankenpflegehelferInnen und sich in Ausbildung befindenden Gesundheits- und KrankenpflegerInnen delegiert werden können. Dadurch wird die berufliche Handlungskompetenz erhöht und das berufliche Selbstverständnis und die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit gestärkt.

–          Pflegekräfte über das Studium an Hochschulen und Universitäten zu bringen ist nur sinnvoll, wenn ausreichend Fördergelder seitens des Bundes zur Verfügung gestellt werden um an neuen Erkenntnissen zu forschen. Deswegen fordern wir eine deutliche Erhöhung der Bundesmittel an die Länder, welche zweckgebunden zur Forschungsförderung im Pflegebereich einzusetzen sind.

–          Die Einteilung in Grund- und Behandlungspflege muss aus den Sozialgesetzbüchern gestrichen werden und durch zeitgemäße, pflegewissenschaftlich aktuelle Definitionen ersetzt werden, die die Komplexität pflegerischen Handelns abbilden.

122–         Wir setzen uns ein für eine deutliche Erhöhung der Löhne für Beschäftigte im Pflegeberuf.
Gleichzeitig soll darauf geachtet werden, dass damit keine Reduktion der Arbeitsplätze einhergeht. Hierfür müssen sich sowohl Gewerkschaften, als auch die Arbeitgeberseiten aus Bund und Ländern einsetzen. Auch fordern wir die Erhöhung des bundesweiten geltenden Pflegemindestlohns auf 12,50€.

–          Des Weiteren ist die Verringerung der Wochenarbeitszeit auf 30 Stunden unumgänglich, um ausreichend Freizeitausgleich zu gewährleisten.

–          Um den Aufbau von Überstunden durch Einspringen aus dem geplanten Frei zu verhindern, hilft nur das Einrichten eines Springerpools, mit KollegInnen, die für Rufbereitschaft bezahlt werden und notfalls kurzfristige Personalausfälle kompensieren können. Dazu muss es eine bindende gesetzliche Regelung geben

–          Es soll eine Kommission eingerichtet werden, die gemeinsam mit beruflichen InteressensvertreterInnen, VertreterInnen der Berufsschulen und pflegepädagogischen ExpertInnen Vorschläge für einen bundesweiten Lehrplan entwickelt.

–          Um bundesweit einheitliche Standards der Pflegeausbildung zu gewährleisten, müssen auch bundeseinheitliche Regelungen für die Ausbildung gelten. Ein Problem am Pflegeberufegesetz ist es, dass oftmals ohne große Rahmenvorgaben Angelegenheiten an die Länder weiterdelegiert werden.

–          In Ausbildungseinrichtungen müssen 20% der Pflegenden PraxisanleiterInnen sein, um Praxisanleitung aller Auszubildenden sicherstellen zu können.

–          Wir fordern ein bundesweites Gesetz, welches das Ziel hat, die gesellschaftliche Wahrnehmung des Berufes zu verbessern.

[1] Höppner 2004, S.23

[2] Stationsleitung, Pflegedienstleitung, Pflegedirektion

[3]  Es gab keine weiblichen Ärzte zu dieser Zeit, daher nicht gegendert

[4] Im Rahmen des Projektes “Zukunft Medizin Schweiz“ entwickelte Definition Professioneller Pflege

[5] Statistische Ämter des Bundes und der Länder, Demografischer Wandel in Deutschland, Heft 2, 2010

[6] Referentenentwurf Bundesgesundheits- und -familienministerium

[7] Diagnosis related groups

Beschluss-PDF: