M1 Psychologische und psychotherapeutische Versorgung von Flüchtlingen sicherstellen!

Status:
(noch) nicht behandelt

Menschen mit Fluchterfahrung haben unvorstellbares Leid erfahren. Bereits der alleinige Umstand gegen den eigentlichen Willen aus seiner gewohnten Umgebung vertrieben zu werden, greift tief in die Seele ein und hinterlässt Wunden, die nur schwer zu schließen und wohl nie ganz zu heilen sind. Nicht selten kommen jedoch auch Kriegs- und Gewalterlebnisse hinzu, ein Leben unterhalb des Existenzminimums, die Ängste des Fluchtweges, Verlust von Angehörigen und Freunden, Hunger, Krankheit und Erleben sexueller Übergriffe. Es verwundert daher nicht, dass Schätzungen zufolge 30-50% der Flüchtlinge traumatisiert sind. Bei unbegleiteten Minderjährigen Flüchtlingen liegen diese Zahlen wohl noch höher. Auch wenn es einigen von ihnen gelingen sollte die Fluchterfahrungen selbst zu verarbeiten, wird das aktuelle medizinische Versorgungssystem die Versorgung dieser Menschen nicht gewährleisten können. Bereits heute wartet man Monate auf den Beginn einer normalen Therapie bei einer oder einem NervenärztIn. Dies sind unhaltbare Zustände, gerade für akut betroffene Personen, die mit Traumata, Depression oder sogar Suizidgedanken zu kämpfen haben! Bei Geflüchteten kommen noch erschwerende Umstände hinzu: Erstens sind an ihre Behandlung besonderes hohe Hürden zu überwinden, so sind zum Beispiel nur wenige PsychologInnen und PsychotherapeutInnen geschult auf Kriegs- und Fluchterlebnisse und können mit DolmetscherInnen arbeiten. Zweitens benötigt man zur Aufarbeitungsarbeit ein gesichertes Umfeld und oft kommen Traumata erst nach einer gewissen Zeit ’’wieder an die Oberfläche’‘. Es ist daher davon auszugehen, dass der Bedarf an psychologischer bzw. psychotherapeutischer Behandlung von Flüchtlingen in nächster Zeit stark ansteigen wird. Deshalb ist es so wichtig bereits jetzt die Grundlagen dafür zu legen ein qualitativ hochwertiges Versorgungsnetz für Geflüchtete aufzubauen.

 

Dabei lässt sich durchaus auch schon auf bestehende Strukturen aufbauen. Die psychosozialen Zentren des DRK leisten zum Beispiel wichtige Vernetzungsarbeit. Mit dem START-Konzept, welches im Saarland erarbeitet wurde, gibt es extrem niedrigschwellige Konzepte, die bereits direkt nach Ankunft von Geflüchteten ansetzen und zu einer emotionalen Erststabilisierung beitragen.

 

Die rechtliche Ausgangslage ist aber weiter problematisch. So erhalten Personen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz (AsylbLG) in Deutschland in den ersten Monaten weiterhin nicht die volle medizinische Versorgung. Gerade für psychische Krankheiten ist dies hoch problematisch, da sie schwer zu belegen sind und damit praktisch selten zur Behandlung freigegeben werden. Dolmetscherkosten werden nicht übernommen, obwohl es bei der Behandlung von Traumata grundlegend auf sprachliches Verständnis ankommt. Für Menschen mit geringen finanziellen Mitteln ist eine Behandlung damit praktisch unmöglich.

 

Selbst wenn Mittel zur Verfügung stehen, sind diese teilweise nicht an den richtigen Stellen vorhanden. So sind zum Beispiel im Saarland die Ausbildung und Mittel für therapeutische Hilfemöglichkeiten für Asylbewerberinnen und -bewerber kaum nachgefragt. Die Arbeit mit anerkannten Flüchtlingen jedoch bundesweit oft nur projektfinanziert und damit nicht auf sicheren Beinen. Auch Versorgungsengpässe in Ballungsgebieten oder dem ländlichen Raum müssen unterbunden werden. Es muss massiv in Ausbildung von qualifiziertem medizinischem Personal und DolmetscherInnen investiert werden, um zukünftige Bedarfe abfedern zu können.

 

Oft sind Hilfsangebote bei Geflüchteten gar nicht bekannt. Sie glauben mit ihren Leiden allein zu stehen, haben Scham sich zu offenbaren oder erkennen ihre Krankheit gar nicht an. Hier muss Aufklärungsarbeit geleistet werden. In Sprachkursen oder Integrationskursen muss jedem Menschen das Bestehen dieser Behandlungsmöglichkeiten dargelegt werden. Darin sollten auch hauptamtlich oder ehrenamtlich mit Geflüchteten tätige Menschen einbezogen werden, damit sie kompetent reagieren können und Sekundärtraumata vermieden werden.

 

 

Wir fordern daher:

  • endlich die flächendeckende Einführung der Gesundheitskarte für Flüchtlinge umzusetzen
  • Zugang zur vollen medizinischen Versorgung ab Ankunft in Deutschland
  • Aufbau dauerhaft finanzierter Beratungs- und Netzwerkstrukturen für Geflüchtete und FlüchtlingshelferInnen, inklusive Dolmetscher-Innen und ÄrztInnenpool, welche sich an dem zu erwartenden Bedarfen orientiert
  • Werbung und Bekanntmachung von Therapie- und Hilfeangeboten bei Geflüchteten, Verwaltung und FlüchtlingshelferInnen
  • es ist insbesondere auf einen niedrigschwelligen und aufsuchenden Ansatz Acht zu geben
  • Angebot erststabilisierender Maßnahmen in allen Erstaufnahmeeinrichtungen für Erwachsene und Minderjährige
  • Ausbildung einer ausreichend hohen Anzahl qualifizierter PsychologInnen, PsychotherapeutInnen und DolmetscherInnen
  • Übernahme von Dolmetscherkosten bei Notwendigkeit von psychotherapeutischer bzw. psychologischer Behandlung und zu wenig Deutschkenntnissen