G2 Raus aus Happyland

Der rechtsterroristische Anschlag in Hanau und die Black-Lives-Matter-Bewegung nach dem Mord an George Floyd gaben dem Thema Rassismus plötzlich einen enormen Aufschwung. Auch an unserem Verband darf dieser Diskurs nicht spurlos vorbei gehen und bedarf einer differenzierten Einordnung.  Einerseits bewerten wir positiv, dass Rassismuserfahrungen von BPoC (Black and People of Color) in Deutschland sichtbarer wurden. Andererseits bleibt die Befürchtung, dass dies lediglich eine Momentaufnahme gewesen sein könnte und die dringende Bekämpfung von Rassismus in unserer Gesellschaft für die weiße Mehrheitsgesellschaft als kurzzeitiger Trend verebben könnte.

Jede einzelne Rassismuserfahrung sitzt tief. Sie hinterlassen tiefe Traumata, die das Leben von BPoC nachhaltig prägen und beeinflussen. Unser Verband ist an vielen Stellen für BPoC leider auch Teil des Problems, auch wenn er Teil der Lösung sein sollte. Viel zu lange hat unser Verband es versäumt, die eigene Verantwortung in der Aufarbeitung von rassistischen Strukturen anzuerkennen und zu bearbeiten. Rassismus in Deutschland gibt es nicht erst seit BLM. In der Hoffnung, eine nachhaltige Debatte anzustoßen, die nicht wie ein Trend wieder verschwinden wird, hat dieser Antrag das klare Ziel, den Diskurs innerhalb unseres Verbandes kritisch zu hinterfragen, internalisierte und strukturelle Rassismen aufzuarbeiten und innerverbandlich neue Perspektiven zu eröffnen.

Damit BPoC und ihre Perspektiven in unserem Verband sichtbarer werden, sollen BPoC mehr empowert werden. Dazu wurde schon letztes Jahr ein erster Schritt getan.

Beim letzten Bundeskongress der Jusos wurde im Arbeitsprogramm eine BPoC-Vernetzung beschlossen. Dort heißt es: „Wir Jusos stellen fest, dass es uns aktuell nicht gelingt, die Diversität unserer Gesellschaft auch im Verband abzubilden. Insbesondere People of Color sind in unseren Strukturen fast überall stark unterrepräsentiert.“ Die fehlende Repräsentanz von BPoC zeigt sich auch im aktuellen Bundesvorstand. BPoC sind, obwohl sie ein immer weiter wachsender Teil unserer Gesellschaft sind, in unserem Verband weniger sichtbar und schaffen es seltener in die weiß dominierten Vorstände.

Dass die Perspektiven von BPoC in unserem Verband bis jetzt oft gefehlt haben, wird unter anderem am Stellenwert aktiver Antirassismus-Arbeit in unserem Verband sichtbar.

Dieser Antrag möchte die Perspektive des Antirassismus thematisch sowie organisatorisch aufzeigen. Damit wir Rassismus in unserem eigenen Verband bekämpfen können, aber auch als Querschnittsthema in unseren vier Grundwerten zu verstehen begreifen.

 

Feminismus

In den letzten Jahren wird in feministischen Kontexten immer mehr von Intersektionalität gesprochen, obwohl es den Begriff schon einige Jahrzehnte gibt und den intersektionalen Feminismus als Idee schon über 100 Jahre.

Alle reden von Intersektionalität – doch was ist das?

Intersektionalität wurde als Begriff Ende der 1980er Jahre von Kimberlé Crenshaw zum ersten Mal genutzt und beschreibt die mehrfache Diskriminierung aufgrund verschiedener Faktoren wie Rassismus, Klassismus, Homo- und Transhate, Behindertenfeindlichkeit und Sexismus. Intersektionalität geht es um die Anerkennung der Schnittmenge (engl.: intersection) und das Zusammenspiel dieser, da zum Beispiel eine schwarze Frau anders diskriminiert ist als eine weiße Frau und anders als ein schwarzer Mann. Zu oft erscheinen im Kampf gegen Diskriminierung die unterschiedlichen Formen als Auflistung. Dass sich unterschiedliche Diskriminierungsformen in einer Person widerspiegeln können und sie in unterschiedlichen Kontexten aufgrund verschiedener Aspekte ihrer Person sowie auch in dem Zusammenspiel dieser diskriminiert wird, wird oft im Kampf gegen die Unterdrückung und Diskriminierung bestimmter Gruppen nicht mitgedacht.

Da Frauen als diskriminierte Gruppe im Gegensatz zu anderen benachteiligten Gruppen keine Minderheit sind, finden sich vor allem bei ihnen Schnittmengen, weswegen Intersektionalität meist intersektionaler Feminismus bedeutet. Entstanden und geprägt wurde der Begriff durch die Perspektive von Women of Color (WoC).

Doch auch wenn Intersektionalität im feministischen Diskurs immer mehr Zustimmung bekommt, scheint es oft bei der Zustimmung zu bleiben und die Umsetzung in der feministischen Praxis fällt oft noch sehr schwer.

Intersektionen auch im Verband mitdenken

Der weiße Mainstream-Feminismus in unserer Gesellschaft thematisierte jahrelang lediglich die Unterdrückungserfahrungen weißer Mittelschichtsfrauen innerhalb des Patriarchats, ließ aber eine tiefergehende Analyse vom Zusammenspiel von Patriarchat, Rassismus und Kapitalismus eher außen vor.

In unserem Verband findet der Intersektionale Feminismus immer mehr Gehör, um die verschiedenen Lebensrealitäten anzuerkennen. Gerade diese Kombination aus verschiedenen Diskriminierungsformen führt im Leben vieler Menschen zu enormen Hürden. Bei der Chance auf Bildung, Wohlstand oder im Alltagsleben, aber auch in unserem Verband und unserer Mutterpartei sind enorme Widerstände zu erkennen. Es ist bemerkenswert, wie homogen unser Verband aufgestellt ist, denn die Perspektiven von WoC, Menschen mit Behinderung, Nicht-Akademiker*innen, queeren Menschen und vielen mehr sind häufig unterrepräsentiert und deshalb im Diskurs weniger sichtbar.

Queer politics

Wie der feministische Diskurs meist nur von der Perspektive der weißen hetero cis Frau geprägt ist, ist oft die Debatte um Queer politics geprägt von weißen homosexuellen Männern. Obwohl die Anfänge der LGBTQIA+-Befreiungsbewegung definitiv auf Personen, wie die schwarze Transfrau Marsha P. Johnson, die die Stonewall-Proteste 1969 mit anführte, zurückzuführen ist, werden die Perspektiven und Kämpfe von Queeren People of Color und ihre Mehrfachdiskriminierung im Diskurs oft nicht gehört, wertgeschätzt oder noch schlimmer, wie im Fall der Rezeption der Stonewall-Proteste als irrelevant abgetan. Der Kampf um Gleichstellung in einer patriarchalen und rassistischen Ordnung, stellt sich für BQoC als besonders herausfordernd, denn sie kämpfen nicht nur dort, sondern auch oft in ihren Communitys um Gleichberechtigung. In unserer Bildungsarbeit müssen wir den Kampf der BQoC sichtbar machen.

Intersektionalität ist unsere Verantwortung

Wir als jungsozialistischer Verband haben die Verantwortung, die Lebensrealitäten mehrfach diskriminierter Menschen anzuerkennen und den prägenden Mechanismen von Patriarchat, Rassismus und Kapitalismus aktiv entgegenzutreten. Möglichkeiten, um dies zu tun, wären z.B. das aktive Schaffen von Safer Spaces und Empowerment für WoC, Queers (of Color) oder Menschen mit Behinderung. Sie müssen aber auch in unseren Strukturen repräsentiert werden. Die Zeit ist mehr als reif, dass wir nicht nur Intersektionalität in unserem politischen Denken einbinden, sondern auch aktiv umsetzen. WoC müssen in Frauenempowerment- und Frauenvernetzungsstrukturen eine größere Rolle spielen, um dem inneren Zwiespalt zwischen dem Antirassistischen und Feministischen Kampf aufzulösen. Es ist sehr gut, dass immer mehr Frauen im Verband sich vernetzen und empowern. Unsere Juso-“Girl-Gangs“ sollen alle marginalisierten Gruppen mit einschließen und jeder Perspektive Raum geben.

 

Sozialismus

Weniger Eurozentrismus im Sozialismus

In unserem Verband behandeln wir oft das Thema Sozialismus und das Proletariat. Insbesondere wenn wir über das Proletariat sprechen, muss klar sein, wer das Proletariat ist. Wie auch in vielen anderen Themen der Gesellschaft erfahren migrantische und post-migrantische Realitäten und Lebenssituationen nur wenig Beachtung und Raum sowohl in der sozialistischen als auch gesamtgesellschaftlichen Erzählung. Uns ist noch viel zu wenig bewusst, welch großen Beitrag Gastarbeiter*innen, ihre Nachkommen und viele andere migrantische Gemeinschaften in unserer Gesellschaft und Wirtschaft geleistet haben und es heute noch tun. In Lehrplänen für Schulen und Seminarplänen in Universitäten fehlen oft wichtige Perspektiven, wie beispielsweise der Kolonialismus, die Geschichte Deutschlands als Einwanderungsland und weitere Ereignisse der Weltgeschichte. Unser Bildungssystem ist stark eurozentrisch und weiß geprägt.

Unsere Sicherheitsbehörden sind nicht frei von strukturellem Rassismus.

Nicht erst seit der Debatte um die Racial-Profiling-Studie wird klar, dass die Reproduktion von rassistischen Denkmustern in staatlichen Institutionen stattfindet. Die weiße Mehrheitsgesellschaft verneint Mikroaggressionen, die BPoC alltäglich erleben.  Ohne konkreten Verdacht werden migrantisch gelesene Menschen gehäuft kontrolliert und beschuldigt – das Handeln seitens der Sicherheitsbehörden stellt BPoC unter Generalverdacht und verhärtet und legitimiert durch ihr eigenes Handeln das rassistische Denken in der Gesellschaft. Die Erzählung der Sicherheitsbehörden, dass Morde, Attacken und Übergriffe auf BPoC „Einzelfälle“ seien, muss enden. Eine Aufarbeitung und Reform im Sicherheitsapparat muss schnellstmöglich stattfinden. Dafür muss man zunächst die rassistischen Strukturen klar benennen, statt sie zu verneinen; Fälle in den eigenen Reihen lückenlos aufklären und Konsequenzen ziehen.

Identität als Spielball rechtskonservativer Politik

Noch immer werden die Debatten von Nationalkonservativen gesteuert; es ist bewusst die Rede von einem „Heimatministerium“ statt Integration. Über ein Viertel der in Deutschland lebenden Menschen haben einen Migrationshintergrund und immer wieder wird das Thema der doppelten Staatsbürgerschaft instrumentalisiert. Die Optionspflicht zwingt BPoC sich zu entscheiden; es spricht BPoC ab, Teil der deutschen Gesellschaft zu sein. Eine deutsche Staatsangehörigkeit ist kein alleiniger Garant gelungener Integration und eine doppelte Staatsbürgerschaft ist kein Indiz dafür, dass man sich nicht der deutschen Gesellschaft zugehörig fühlt. Die Optionspflicht entwurzelt Millionen von Menschen.

 

Antifaschismus

AntiFa ist nicht AntiRa

Wir wollen das innerverbandliche Verständnis dafür stärken, dass Antirassismus nicht mit Antifaschismus gleichzusetzen ist, auch wenn sie im unmittelbaren Zusammenhang zueinanderstehen. Der Kampf gegen Faschismus stellt dabei nur einen Teil des Kampfes gegen Rassismus dar. Denn auch wenn Antifaschismus in vielen Teilen Deutschlands elementar ist, sind bereits vorher rassistische Erfahrungen von Betroffenen gemacht worden. Während für weiße Menschen es eine aktive Entscheidung ist, sich antifaschistisch zu engagieren, ist der Kampf gegen Rassismus und Faschismus für BPoC überlebenswichtig.

Rassismus umfasst Ideologien und Praxisformen auf der Basis der Konstruktion von Menschengruppen als Abstammungs- und Herkunftsgemeinschaften, denen kollektive Merkmale zugeschrieben werden, die implizit oder explizit bewertet und als nicht oder nur schwer veränderbar interpretiert werden. Diese Rassismen finden sich in jedem gesellschaftlichen Raum wieder.

Alltagsrassismus ist keine Bagatelle

Besonders der sogenannte Alltagsrassismus ist hierbei zu nennen, bei dem die soziale Praxis und die Denkschemata einer größeren sozialen Gruppe dann als rassistisch zu bewerten sind, wenn ein „Wir“ konstruiert und aus dieser Position die Andersartigkeit der Wertung „unserer“ Normalität gegenüber den „Anderen“ machtvoll äußert oder praktiziert wird, mit der Folge, dass die so Kategorisierten ausgeschlossen werden. Dieser befindet sich auch außerhalb faschistischer Strukturen und ist mit derselben Entschlossenheit zu bekämpfen wie Faschismus als solcher.

Rassismus ist mithin ein System, das mit der Absicht entstanden ist, eine bestimmte Weltordnung herzustellen, in der rassifizierte Gruppen hierarchisch festgeschrieben sind. Dem liegt der Gedanke inne, dass Menschen aufgrund bestimmter phänotypischer Merkmale einen niedrigeren Wert für die Gesellschaft mit sich bringen. Diese Stereotypisierung ist gesamtgesellschaftlich tief in unser ganzes System eingraviert. Weiß gelesene Personen werden als Individuum betrachtet, während BPoC als Stellvertreter*innen einer ganzen Gruppe gesehen werden, wobei es meist negative Attribute sind, die mit der Herkunft in Verbindung gebracht werden. Auch diesem Stereotype Threat genannte Teil rassistischen Verhaltens ist mit Entschlossenheit entgegenzutreten.

Unsere Verbandsarbeit ist antirassistisch

Unser Ziel ist es, Rassismus genauso wie den Faschismus zu entblößen. Während Faschismus sich deutlich durch ein politisches System zeigt, ist Rassismus viel subtiler und facettenreicher. Daher braucht es auch innerverbandlich ein verstärktes Bewusstsein, um antirassistische Strukturen zu etablieren, um somit auch außerhalb des Faschismus liegende rassistische Verhaltensweisen abzubauen.

Es gilt den wachsenden Aggressionen gegenüber Minderheiten eine klare Haltung und Praxis der Solidarität mit den Betroffenen entgegenzusetzen und gemeinsam für den Schutz der Menschenwürde sowie Demokratie und Vielfalt einzutreten.

Neben der antifaschistischen Arbeit müssen hierbei mehr Optionen und mehr Bilder geboten werden, Menschen mit unterschiedlichen Hautfarben, Herkünften, Körpern muss mehr Entscheidungsmacht eingeräumt werden. Dabei reicht es nicht, BPoC sichtbarer zu machen. Sie müssen auch hinter den Kulissen mitarbeiten können. Nur so trägt man zu einer strukturellen Veränderung bei, die BPoC tatsächlich fördert.

Viele Jusos stellen sich jede Woche dem wieder erstarkenden Faschismus entgegen. Das ist von großer Bedeutung und wir sehen hierin einen gemeinsamen Kampf. Uns ist jedoch wichtig, dafür zu sensibilisieren, dass Antirassismus neben Antifaschismus trotz Überschneidungen eigenständige Ansätze hat, die es nicht zu vernachlässigen gilt.

 

Internationalismus

Kolonialismus und unsere Verantwortung

Wie viele andere europäische Länder muss auch Deutschland Verantwortung übernehmen für seine kolonialistische und imperialistische Vergangenheit und ihre Folgen bis heute. Ab 1884 bis zum Ende des ersten Weltkriegs kolonisierte das damalige Deutsche Reich zahlreiche Gebiete in Afrika und im Asien-Pazifik-Raum. Dabei wurden der einheimischen Bevölkerung wichtige Ressourcen gestohlen und sie oftmals durch Zwangsarbeit ausgebeutet. Widerstand begegnete die deutsche Kolonialherrschaft mit brutaler Gewalt, wie der Völkermord an den Herero und Nama in Namibia 1904-1908 (bis zu 100.000 Tote) oder die Niederschlagung des Maji-Maji-Aufstandes in Tansania 1905-1908 (250.000-300.000 Tote) belegen. Dieses Handeln des Deutschen Reichs wurde vor Ort und zu Hause mit rassistischen und kolonialen Diskursen und Narrativen legitimiert, welche die Kolonisierten abwertete und ihnen die Menschenwürde nahm.

Wir müssen anerkennen, dass rassistische und koloniale Denkstrukturen und Handlungsmuster in der deutschen (und europäischen) Gesellschaft leider auch nach dem Ende der Kolonien bis heute fortbestehen. Erstens ist die koloniale Vergangenheit unseres Landes und die damit verbundenen Verbrechen gesellschaftlich immer noch nicht umfassend aufgearbeitet. Dieser Mangel an eigener Vergangenheitsbewältigung wirkt sich nicht nur negativ auf das Leben von vor allem Schwarzen Menschen und People of Color in Deutschland aus. Er hat – zweitens – auch Folgen für unsere Außenpolitik, in der besagte rassistische und koloniale Denkstrukturen und Handlungsmuster immer wieder auftauchen. Das zeigt sich nicht nur in der Art und Weise, wie Deutschland Forderungen seitens der Herero und Nama zur Aufarbeitung des Völkermords begegnet. Es zeigt sich auch allgemeiner in unserer Entwicklungs- und Migrationspolitik.

“Wär‘ ich nicht arm, wärst du nicht reich”

Wir müssen uns der Realität stellen: Wir leben in einer Weltordnung, in der multinationale Konzerne und Industriestaaten des globalen Nordens den globalen Süden immer mehr und weiter ausbeuten. Darin setzen sich die ungleichen Verhältnisse fort, die durch den Kolonialismus geschaffen wurden.

Die Akteure aus dem globalen Norden verschaffen sich immer weiter Kontrolle über die Ressourcen und die Finanzmärkte der Länder im globalen Süden. Instrumente, die sie dazu befähigen, sind z.B. der Internationale Währungsfonds (IWF), die Weltbank (WB) und die Welthandelsorganisation (WTO), die mit ihrer Politik meist die Interessen der G7 bzw. G20, die ihre Stellung auf dem Weltmarkt festigen bzw. weiter ausbauen wollen, vertreten zu scheinen. Die einseitige Wirtschaftspolitik hat zur Folge, dass international agierende Konzerne ihre Interessen in den ärmeren Ländern dieser Welt schamlos durchsetzen können und undenkbare Profite erzielen durch niedrige Lohn- und Sozialstandards und Verursachung irreparabler Umweltschäden.

Entwicklungszusammenarbeit

Der von Deutschland und anderen europäischen Ländern geleisteten Entwicklungszusammenarbeit stehen wir Jusos kritisch gegenüber. Als internationalistischer Verband streben wir internationale Solidarität und Zusammenarbeit auf Augenhöhe an und verurteilen die derzeitigen Machtverhältnisse, welche durch Maßnahmen der Entwicklungszusammenarbeit oft verstärkt werden. Das Konzept der Entwicklungszusammenarbeit scheint weiterhin darauf zu basieren, dass die Länder des Globalen Nordens “Almosen” verteilen würden, statt der historischen Verantwortung entgegenzutreten und aktiv gegen das vorliegende Ungleichgewicht anzukämpfen. Unsere Aufgabe muss es sein, diese Schieflage zu benennen und ihr den Kampf anzusagen.

Klimawandel als Fluchtursache anerkennen

Vor allem der Punkt der Klimaflucht muss hierbei viel mehr zu Bewusstsein kommen. Das ausbeuterische und Ressourcen zerstörende Treiben der Industriestaaten wird primär die Länder des globalen Südens betreffen. Dort führen schon heute die Auswirkungen in Form von Dürre, Hitze und Überschwemmungen dazu, dass Millionen Menschen ihrer Heimat und Lebensgrundlage beraubt werden und sich die Situation immer weiter zuspitzt. Somit sind die Verlierer*innen unseres Lebensstils die Menschen des globalen Südens, die paradoxerweise eigentlich die Mehrheit der Menschheit darstellen.

Internationalismus über Europa hinaus

Die Frage, der wir uns nun stellen müssen, ist, in welchem Verhältnis wir, die sich als internationalistischer Verband verstehen, zu dieser Ordnung stehen. Die Verantwortung, die wir gegenüber dem globalen Süden haben, ist immens und dennoch müssen wir Wege der Zusammenarbeit finden, die einen gemeinsamen Prozess auf Augenhöhe und Selbstbestimmung zum Ziel haben und nicht koloniale Denkstrukturen in vermeintlich guter Absicht reproduzieren.

 

Organisiert euch!

Aus Fragezeichen Ausrufezeichen machen!

Aus den genannten Punkten ergeben sich für uns Jusos Arbeitsaufträge, denen sich im Rahmen des nächsten Arbeitsprogrammes angenommen werden sollte, die verdeutlichen, wie wichtig es ist, die Perspektive von BPoC und explizit WoC stets einzubinden. Um diesem facettenreichen Themenfeld gerecht zu werden, benötigt es daher langfristig geeignete Debattenräume, die sich diesen Themen annehmen. Innerhalb dessen soll erarbeitet werden, inwiefern wir die antirassistische Perspektive berücksichtigen, wenn wir über unsere Grundwerte diskutieren.

Wir müssen darauf achten, dass die Themen auch in der zukünftigen Verbandsarbeit eine Rolle spielen. Beispielsweise könnten die Bundesprojekte durch ein weiteres zum Thema Rassismus ergänzt werden, ein zusätzliches Empowerment-Programm für BPoC könnte im Wechsel zum Frauen-Empowerment eingeführt werden und eine stetige Vernetzungsmöglichkeit für BPoC sollte geschaffen werden.

Konkrete Vorschläge zur Implementierung und Umsetzung unserer antirassistischen Verbandsarbeit werden nach Abschluss der erstmaligen BPoC-Vernetzung detaillierter erarbeitet und werden Eingang in das kommende Arbeitsprogramm finden.

Antirassismus bedeutet nicht nur gegen Faschist*innen zu sein, sich Hass und Hetze entgegenzustellen und ist nicht immer mit Antifaschismus gleichzusetzen. Antirassismus muss sich in jedem unserer Grundwerte wiederfinden, damit gewährleistet werden kann, dass sich die Lebensrealität und die Probleme von BPoC angenommen wird.

Auf Probleme Aufmerksam machen

Als Jusos ist es uns wichtig, jedem Menschen in einer angenehmen Atmosphäre frei von Diskriminierung Raum zur politischen Selbstentfaltung zu bieten. Daher gibt es auf allen Bundesveranstaltungen ein Awareness-Team, dessen Mitglieder als Vertrauenspersonen fungieren und das sich dem Unwohlsein von Teilnehmenden annimmt, die sexistisches Verhalten von anderen Teilnehmenden oder Außenstehenden erfahren haben. Doch macht Diskriminierung da keinen Halt: In einem mehrheitlichen weißen Verband ist leider die Realität, dass BPoC vereinzelt immer noch subtilen Rassismus erfahren. Damit auch diese eine Anlaufstelle haben, soll der Awareness-Leitfaden um den Punkt Antirassismus erweitert werden. Des Weiteren soll darauf geachtet werden, dass auch BPoC Teil von Awareness-Teams sind.

Bildungsarbeit und Reflexion allein reichen nicht!

Es ist kein Geheimnis, dass BPoC aufgrund der in diesem Antrag schon ausführlich analysierten strukturellen Gegebenheiten aktiv gefördert und empowert werden müssen. Beispielsweise ist der SPD-Parteivorstand weit davon entfernt, die selbst beschlossene Zielvorgabe von 15 Prozent Anteil von Menschen mit Migrationsgeschichte einzuhalten, gleichzeitig sind noch in einigen Juso-Verbänden BPoC unter- oder gar nicht repräsentiert. So sollten wir Jusos, als progressiver Verband, mit gutem Beispiel vorangehen und im Juso-Bundesvorstand sowie in den Landes- und Bezirksverbänden BPoC und vor allem WoC Platz in ihren Vorständen einräumen, aber auch im Allgemeinen diese gezielt ansprechen, ermutigen und fördern.

Wie in dem aktuell beschlossenen Arbeitsprogramm richtig festgestellt, gelingt es dem Verband noch nicht ganz, die Diversität unserer Gesellschaft auch in den eigenen Reihen abzubilden. Insbesondere BPoC sind in unseren Strukturen fast überall stark unterrepräsentiert. In manchen Verbandsteilen gelingt die Repräsentanz aktuell besser als in anderen.

F*ck your racism!

Deutschland ist ein Einwanderungsland, denn ein Viertel der hier lebenden Menschen hat einen Migrationshintergrund. Auch die Jusos müssen ihre Strukturen für Menschen mit Migrationsgeschichte weiter öffnen.

Dieser Antrag versteht sich als ein erster Anstoß der Debatte. Viele angesprochene Aspekte bedürfen ausführlicher Analysen, denn in unserer Gesellschaft sowie unserem Verband stehen wir gerade am Anfang einer aktiven Diskursverschiebung, in der BPoC nicht mehr hinnehmen werden, dass nur über sie und nicht mit ihnen gesprochen wird.  Die Aufarbeitung von Rassismus im Alltag sowie auf institutioneller Ebene ist mehr als dringend erforderlich.

 

 

Änderungsanträge
Status Kürzel Zeile AntragstellerInnen Text PDF
(noch) nicht behandelt G2_Ä15 6 Berlin Z. 6 ergänze "Deswegen wollen wir nach dem Zitat von Tupoka Ogette "Raus aus Happyland"!"
(noch) nicht behandelt G2_Ä3 9 Nordrhein-Westfalen Z9f Ersetze ab „Viel zu lange … zu bearbeiten“ durch „Genauso wie Menschen im Verlauf ihres Lebens lernen und sich weiterentwickeln, so durchlaufen auch Organisationen Lern- und Entwicklungsprozesse. Themen, die vorher nicht umfangreich und Diskussionen, die nicht facettenreich genug geführt worden sind, bekommen neue Aspekte hinzu. Für uns Jusos gilt das auch eindeutig beim Thema Rassismus. Wir wollen und müssen uns als Verband in diesem Bereich weiterentwickeln, um unserer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden und um Rassismus besser bekämpfen zu können. Das gilt ausdrücklich auch für Rassismus im eigenen Verband.“
(noch) nicht behandelt G2_Ä29 28 Hamburg Überschrift "Feminismus" um "und Diversität" erweitern
(noch) nicht behandelt G2_Ä20 31 Hessen-Nord Ergänze nach Z.31: "Mit der Frage „Ain’t I a woman?“ brachte Sojourner Truth, die als freigelassene Sklavin ihr Leben dem Kampf gegen die Sklaverei widmete, 1851 auf einem Konvent der Frauenrechtsbewegung in Ohio eine Lebensrealität zum Ausdruck, die auch anderthalb Jahrhunderte später bei der Thematisierung von Intersektionalität eine Rolle spielen muss. Ursprünglich als juristisches Konzept an der Schnittmenge von rassistischer und sexistischer Diskriminierung entstanden, hat der Begriff in den letzten 30 Jahren eine weite Verbreitung und unterschiedliche Deutungen erfahren."
(noch) nicht behandelt G2_Ä21 33 Hessen-Nord ersetze „mehrfache Diskriminierung“ durch „die Überschneidung verschiedener Diskriminierungsformen“.
(noch) nicht behandelt G2_Ä23 34 Baden-Württemberg "Körper" einfügen
(noch) nicht behandelt G2_Ä22 49 Hessen-Nord Ergänze nach „außen vor.“: „Gleichzeitig haben FLINT*-Personen in sozialistischen Bewegungen in den letzten 150 Jahren zwar gerade die Geschwisterschaft von Patriarchat und Kapitalismus nicht nur am eigenen Leben erfahren, sondern auch thematisiert. Gerade die Geschichten von Arbeiterinnen* zeigen, dass es „den Feminismus“ auch in Deutschland nie gegeben hat, sondern verschiedene feministische Bewegungen existierten und existieren. Als Leerstelle feministischer Debatten, die in der Breite geführt wurden, ist im 20. Jahrhundert dabei jedoch insbesondere Rassismus hervorzuheben, der gerade in Deutschland erst in der jüngsten Vergangenheit überhaupt eine größere Rolle einnimmt.“
(noch) nicht behandelt G2_Ä18 69-73 Bayern Ersetze Zeile 69-73„Das aktive Empowerment und Schaffen safer Spaces für WoC, Queers (of Color) und Menschen mit Behinderung muss unser konkretes Ziel werden. Ebenso müssen diese Gruppen vermehrt in unseren Strukturen repräsentiert werden. Die Zeit ist mehr als reif, dass wir nicht nur Intersektionalität in unserem politischen Denken einbinden, sondern auch aktiv umsetzen. WoC müssen in unserem Frauenempowerment- und Frauenvernetzungsstrukturen eine größere und feste Rolle spielen, um dem inneren Zwiespalt zwischen dem Antirassistischen und Feministischen Kampf aufzulösen. Dabei müssen WoC auch in unseren Frauenvernetzungsstrukturen ein safer Space bereit gestellt werden.“
(noch) nicht behandelt G2_Ä1 84 Nordrhein-Westfalen Ersetze Z.84-86 von „In Lehrplänen…“ bis „Unser“ durch: „Das liegt vor allem daran, dass unsere von strukturellem Rassismus geprägte Gesellschaft wo sie nur kann Berührungspunkte etwa mit der Kolonialvergangenheit aktiv vermeidet. So gibt es zwar einige Beispiele wo etwa in Lehrplänen wichtige Perspektiven, wie der Kolonialismus oder die Geschichte Deutschlands als Einwanderungsland Berücksichtigung finden, unser“
(noch) nicht behandelt G2_Ä2 86 Nordrhein-Westfalen Ergänze S.134 Z.86 nach „ist“ „jedoch“
(noch) nicht behandelt G2_Ä24 90 Baden-Württemberg Ersetzte "verneint" durch "verleugnet"
(noch) nicht behandelt G2_Ä19 104 Bayern Füge hinzu in Zeile 104 nach „“Die Optionspflicht entwurzelt Millionen von Menschen.“ „Daher fordern wir die Abschaffung der Optionspflicht.“
(noch) nicht behandelt G2_Ä30 104 Bayern Füge hinzu in Zeile 104 nach „Die Optionspflicht entwurzelt Millionen von Menschen.“: „und sollte deswegen abgeschafft werden.“
(noch) nicht behandelt G2_Ä4 110 Nordrhein-Westfalen Z110f Streiche ab „Denn auch … Betroffenen gemacht worden.“
(noch) nicht behandelt G2_Ä5 111 Nordrhein-Westfalen Z111-113 Ersetze ab „Während für weiße Menschen…“ durch „Antirassismus ist für BPOC ein alltäglicher Kampf, dem sie sich nicht entziehen können. BPOC sind Rassismus ständig ausgesetzt, auch außerhalb von faschistischen Strukturen.“
(noch) nicht behandelt G2_Ä25 113 Baden-Württemberg ersetze "überlebenswichtig" durch "eine tägliche erzwungene Auseinandersetzung"
(noch) nicht behandelt G2_Ä6 132 Nordrhein-Westfalen Z.132 Ergänze hinter „entblößen“: „und bekämpfen“
(noch) nicht behandelt G2_Ä7 132 Nordrhein-Westfalen Z.132f ersetze „Während Faschismus … facettenreicher“ durch „Rassismus ist facettenreich und oft subtil. Wir sehen uns bei Rassismus damit konfrontiert, dass rassistische Denkmuster in allen gesellschaftlichen Schichten, teilweise sogar unbewusst, weit verbreitet sind.“
(noch) nicht behandelt G2_Ä8 144 Nordrhein-Westfalen Z.144 ersetze „und … Kampf“ durch „ ,denn Antifaschismus und Antirassismus ist ein Kampf, der gemeinsam geführt werden muss.“
(noch) nicht behandelt G2_Ä10 145 Nord-Niedersachsen Ergänze neuen Absatz: „Hierbei soll auch die besondere Rolle des Antisemitismus nicht unerwähnt bleiben. Antisemitismus kommt in allen Bevölkerungsschichten und -gruppen vor und exkludiert Jüdinnen* und Juden auf besondere Art und Weise, welche unter den Definitionsmerkmalen des Rassismus nicht entscheidend erfasst werden können. Jüdische Genoss*innen sollen dabei in unserem Verband nicht unsichtbar gemacht und eine Partizipationsmöglichkeit zur Vernetzung ermöglicht werden.“
(noch) nicht behandelt G2_Ä13 145 Bayern Füge ein nach „zu vernachlässigen gilt.“: Antirassimus soll in unserem Verband endlich derselbe Stellenwert zugerechnet werden, wie dem Antifaschismus.
(noch) nicht behandelt G2_Ä26 166 Baden-Württemberg Einfügen: "Als erste Maßnahme zur Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte, fordern wir die offizielle Benennung und Bekennung der Bundesregierung am Völkermord der Herero, Nama und Maji-Maji. Außerdem müssen alle, aus den Kolonien geraubten Kulturgüter vollständig zurück gegeben werden."
(noch) nicht behandelt G2_Ä11 168-177 Nord-Niedersachsen, Jusos Bremen Ersetze Z. 168-177 durch: "Die Akteur*innen aus dem globalen Norden verschaffen sich immer weiter Kontrolle über die Ressourcen und die Finanzmärkte der Länder im globalen Süden. Instrumente, die teilweise dazu genutzt werden, können z.B. der Internationale Währungsfonds (IWF), die Weltbank (WB) und diverse Institutionen der Europäischen Union. Die einseitige Wirtschaftspolitik kann zur Folge haben, dass international agierende Konzerne ihre Interessen in den ärmeren Ländern dieser Welt schamlos durchsetzen können und undenkbare Profite erzielen durch niedrige Lohn- und Sozialstandards und Verursachung irreparabler Umweltschäden."
(noch) nicht behandelt G2_Ä14 174 Berlin Z. 174 ersetze "vertreten zu scheinen" durch "zu vertreten scheinen"
(noch) nicht behandelt G2_Ä9 179 Nordrhein-Westfalen Z.179-185 ersetzen durch: „Wir wollen uns weiterhin mit Entwicklungszusammenarbeit kritisch auseinandersetzen. EZ muss für uns stets in Zusammenarbeit und auf Augenhöhe mit der Bevölkerung vor Ort geschehen und sensibel sich damit auseinandersetzen, dass ein ungleiches Machtverhältnis besteht. Antirassismus muss auch hier ansetzen und es darf den Ländern kein westliches System aufgedrückt werden. Außerdem sehen wir, dass EZ nur gelingen kann, wenn das Wirtschaftssystem sich ändert und nicht auf einer Ausbeutung des globalen Südens fußt, sondern ein gleichberechtigter Zugang ermöglicht wird.“
(noch) nicht behandelt G2_Ä12 211 Nord-Niedersachsen Streiche ab „Eingang“ und ersetze durch: „beim Prozess des kommenden Arbeitsprogramms berücksichtigt.“
(noch) nicht behandelt G2_Ä16 221 Berlin Z. 221 streiche "vereinzelt"
(noch) nicht behandelt G2_Ä17 222 Berlin, Bayern Z. 222 streiche "subtilen"
(noch) nicht behandelt G2_Ä27 224 Baden-Württemberg Einfügen: "Um eine entsprechende Repräsentation zu garantieren und zu gewährleisten, dass die objektive, diverse Perspektive des Awareness-Teams nicht durch die Haltung des meist überwiegend weißen Bundesvorstands beeinträchtigt wird, wird das Awareness-Team künftig aus Mitgliedern ohne Funktion im Bundesverband zusammengesetzt."
(noch) nicht behandelt G2_Ä28 242 Baden-Württemberg Ersetze: "werden" durch "müssen"