U12 Resolution: Mit uns zieht die neue Zeit - Sozialismus auch für Tiere

Status:
(noch) nicht behandelt

Der Bundeskongress möge beschließen:

  1. Einleitung Als sozialdemokratische Bewegung setzen wir uns seit jeher für die Werte „Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität“ ein. Wir kämpfen an, gegen Leid und versuchen mit all unserer Kraft Lebensbedingungen zu verbessern. Wir sind überzeugt, dass sich niemand über andere hinweg setzen sollte. Den Satz von Immanuel Kant „Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt“ würden wir wohl vorbehaltlos zustimmen. Und dennoch tolerieren wir Ungerechtigkeit und Unfreiheit und verspüren keine derartige Solidarität, wenn wir über nichtmenschliche Lebewesen sprechen. Tiere sperren wir ein, wir verdinglichen sie, wir töten und demütigen sie. Während wir das Leid von Menschen stets beklagen, uns über schlechte Arbeitsbedingungen empören, verhalten wir uns gegenüber Tieren als Unterdrücker*innen. Während wir uns als Teil der Arbeiter*innenbewegung stets als Verfechter*innen der Rechte der Schwächeren in der Gesellschaft sehen, verwehren wir gleiche Solidarität jenen, die auf sie in ähnlicher Weise angewiesen wären. Dabei geht beispielsweise unser Fleischkonsum nicht nur zu Lasten der Tiere, sondern auch auf Kosten von Umwelt, Klima und Menschen vor allem in anderen Teilen der Welt.

Mit der Produktion tierlicher Produkte, die vornehmlich in der sogenannten „ersten Welt“ konsumiert werden, wird in anderen Teilen der Erde Hunger geschaffen, Urwälder abgeholzt, Trinkwasser verseucht und das Klima angeheizt. […].“[1]

Während wir unseren Konsum auf Kosten anderer Teile der Welt inzwischen in weiten Teilen hinterfragen, gibt es noch immer einen gesellschaftlichen Konsens darüber, dass es in Ordnung sei, Tiere auszubeuten. Doch das Umdenken hat begonnen. Der gesellschaftliche Konsens bröckelt. Als Teil einer progressiven internationalen Bewegung, wollen wir beginnen, uns auch mit unserem „Tierkonsum“ kritisch auseinanderzusetzen und unser Verhältnis gegenüber Tieren zu hinterfragen. Wir sind eine Bewegung, die Machtverhältnisse kritisiert, wenn es um die Rechte von Frauen und Minderheiten geht. Die nach Verteilungsgerechtigkeit und Chancengleichheit strebt. Auf dem Weg in eine gerechtere, freiere und solidarischere Gesellschaft müssen wir auch unsere Macht- und Gewaltposition gegenüber Tieren reflektieren und verändern.

  1. Tierkonsum in Deutschland und dessen wirtschaftliche und ökologische Folgen Die „Geflügelproduktion“ in Deutschland ist in den letzten 20 Jahren um fast 75% gestiegen. Während viel mehr produziert wird, geht jedoch die Zahl der produzierenden Betriebe stetig zurück. Die Anzahl der Mastbetriebe ist im gleichen Zeitraum um etwa 95% gesunken. Für 2016 sind bereits mindestens 10,8 Millionen neue Stallplätze für Geflügel beantragt. Ähnlich sieht es bei der „Produktion“ von Schweinefleisch aus. Während sie um 50% gestiegen ist, sank die Anzahl der Betriebe um 90%.1 Unsere hohe Nachfrage nach möglichst billigem Fleisch führte in den letzten zwei Jahrzehnten zu einem extremen Wandel in der „Fleischproduktion“. Einerseits wurden dadurch bäuerliche Betriebe vom Markt verdrängt, andererseits ging dieses Entwicklung auch immer zum Leid der Tiere. Deren Haltung wird mehr und mehr “intensiviert“, was bedeutet, dass mehr Tiere auf weniger Raum gehalten werden. Die Tierproduktion ist inzwischen fast vollständig industrialisiert. Immer weniger Arbeitskräfte werden benötigt, um immer mehr Tiere zu “versorgen“. Während die großen Tierfabriken die Gewinne einstreichen, müssen kleine Bauernhöfe mehr und mehr um ihre Existenz bangen. Ihnen fehlt oft das Kapital, um in teure Maschinen zu investieren und der Platz, um mit den großen mithalten zu können. Das Schlagwort lautet hier: “Wachsen oder weichen“.[2] Auch in der Milchproduktion führt der anhaltende Preiskampf zu immer schlechteren Lebensbedingungen für die Tiere. Bei einem Milchpreis von 28 Cent pro Liter im Herbst 2015, können Produktionskosten kaum noch gedeckt werden und kleine Betriebe müssen ihre Produktion einstellen.2 Tierliche Produkte werden anders als uns Werbung und Verpackungen vermitteln wollen heute fast ausschließlich in Tierfabriken erzeugt. Die Heidi-Idylle gibt es nur in Werbeversprechen. Unser Konsum hat dabei auch abseits der tierrechtlichen Perspektive katastrophale Folgen:
  • „80-90% des in Deutschland verfütterten Sojaschrotts geht direkt in die ’Fleischproduktion’“
  • Dabei richtet der Sojaanbau für den weltweiten Fleischmarkt vor allem in Südamerika große Schäden an. Die weiterhin fortschreitende Rodung des Regenwalds zur Schaffung neuer Anbauflächen und die einseitige Nutzung der Flächen führen zu Klimaschäden und verhindern einen nachhaltigen Schutz der dortigen Natur. Statt pflanzliche Nahrung sinnvoll zur Ernährung der Weltbevölkerung zu nutzen, quälen wir Tiere und verschwenden Wasser-, Energie- und Nahrungsressourcen, um daraus Fleisch „herzustellen“.[3]
  • Durch Massentierhaltungsbetriebe sinkt vielerorts in Deutschland die Grundwasserqualität. Zu hohe Nitratwerte führen mancherorts gar zu ungenießbarem Wasser. So ist beispielsweise in Hessen jedes siebte Grundwasservorkommen nicht mehr trinkbar.[4]3. Geschichte und Theorie Die politische Linke in ihren unterschiedlichen Ausprägungsformen hat vielfältige Schnittmengen mit der Tierrechtsbewegung und Tierbefreiungsbewegung. Auch die Sozialdemokratie oder ihr nahestehenden Personen und Gruppierungen haben sich immer wieder mit der Frage des richtigen Umgangs und der Gewalt an Tieren beschäftigt. Erinnert sei u.a. an die abwägenden gesellschaftskritischen und ernährungsphysiologischen Überlegungen August Bebels in die “Frau und der Sozialismus“. Kautskys Kritik an der Scheinheiligkeit der Forderungen der Bourgeoisie,  Sklaven und Tiere zu schützen und die Unterdrückung der Kinder und der Arbeiterklasse zu übersehen[5]. Oder Rosa Luxemburgs Briefe aus dem Breslauer Frauengefängnis, in denen sie ihre Empathie und Solidarität mit einem Büffel (“Büffelbrief“) und an anderer Stelle mit „ihren“ Vögeln ausdrückt. Willi Eichler, “Cheftheoretiker der Nachkriegs-SPD“, war einer der wesentlichen Verfasser des Godesberger Programms. Den Essay “Sogar Vegetarier“ von 1926 endete er mit den Worten:Die Sozialdemokratie spart sich die Kritik an der Nutzung von Tieren in der Nachkriegszeit. Exemplarisch für die dauerhafte Abwesenheit jeglicher Kritikfähigkeit an den herrschenden Zuständen steht der einzige Satz zu der Thematik im SPD Bundestagswahlprogramm 1998: “Wir wollen den Tierschutz verbessern“. 4. Machtverhältnisse hinterfragen Tiere existieren nicht im luftleeren Raum oder ausschließlich in philosophischen Diskussionen, sie sind in vielfältigen gesellschaftlichen Verhältnissen eingebettet. Der Begriff des sogenannten „Nutztieres“ sagt beispielsweise viel über unser Verhältnis zu Tieren im Allgemeinen aus. Tiere sehen wir als Eigentum und sprechen ihnen damit ihr Selbstbestimmungsrecht ab. Wir tun dies, in dem Bewusstsein, dass Tiere durchaus fühlen und ein Interesse an körperlicher Unversehrtheit haben. Nur durch die Ignoranz ebenjener Tatsache, können wir unser Verhalten gegenüber Tieren legitimieren.Wir müssen hinterfragen, warum wir manche Tiere essen und andere nicht und warum wir mit manchen Tieren zusammen leben wollen und mit anderen nicht. Auch die Soziologie hat diese Themen lange vernachlässigt und erst seit ein paar Jahren bilden sich die Human-Animal Studies oder Critical Animal Studies heraus, die sich mit solchen Fragen beschäftigen. Als Jungsozialist*innen müssen wir auf diesen aufbauen und uns muss weiter interessieren, wie die Tierindustrie mit dem Kapitalismus verwoben ist, d.h. wie sie einander bedingen und welche politischen Ansatzpunkte sich für uns bieten. Auch die Frage, ob Tiere essen männlich sei, also inwiefern Rollenbilder mit dem Konsum von Tieren zusammenhängen sind für einen linken und feministischen Richtungsverband notwendige Arbeitsfelder. Für uns als Jungsozialist*innen müssen Alternativen für Tierkonsumartikel bezahlbar sein, wir wollen die Frage nach einem gerechten Umgang nicht zu einem künstlichen Distinktionsmittel zwischen arm und reich werden lassen. Ziel politischer Theorie der Jungsozialist*innen muss sein, bestehende linke Kritik an der Ausbeutung von Tieren weiterzuentwickeln, praktisch werden zu lassen. 5. Antiemanzipatorische Standpunkte bekämpfen wir Es gibt Organisationen und Aktivist*innen (O & A), die ihr vermeintliches Engagement für Tiere nur für ihre reaktionäre oder faschistische Hetze benutzen. Weiterhin nutzen manche O & A Sprache und Methoden, die antiemanzipatorisch sind. Solche Organisationen und Aktivist*innen bekämpfen wir! Das (vermeintliche) Engagement für Tiere ist nichts wert, wenn es xenophob oder sexistisch gelesen werden kann. Ein “Hauptsache für die Tiere“ kann es für uns und jeden progressiven Verband nicht geben. Vielmehr müssen wir solche O & A bekämpfen, denn sie schaden unseren Anliegen als queerfeministischer, antifaschistischer und internationalistischer Richtungsverband. 6. Was folgt? – Konsequenzen für unsere Arbeit Im Kampf für eine gerechtere Welt, dürfen wir die Augen nicht vor dem Leid von Tieren verschließen. Wir müssen unseren eigenen Umgang mit Tieren als “Konsumgut“, “Ware“ und “Ding“ hinterfragen und die Strukturen erkennen, in denen wir als Ausbeuter*innen agieren. Wir dürfen nicht die Augen verschließen, vor dem Strukturwandel in industrieller Tierhaltung und Landwirtschaft, sondern müssen uns den Tatsachen in Tier- und Schlachtfabriken bewusst werden. Wir Jungsozialist*innen definieren uns als emanzipatorischer Richtungsverband. Wir wollen daher auch gegen Gewalt an und Unterdrückung von Tieren kämpfen:
  • „Die Denkmechanismen, welche Ausbeutung von Tieren legitimieren, überschneiden sich mit denen, welche die Ausbeutung von Menschen legitimieren. Der Mensch konstruiert durch das Abwerten des Tieres bzw. des Fremden seine eigene Höherwertigkeit. Unsere Kultur ist durch eine Hierarchie geprägt, an deren Spitze der weiße, gesunde, männliche Mensch steht und an deren Ende das zur Ausbeutung preisgegebene Tier.“[7]
  • “Wir sind Sozialisten und kämpfen gegen die Ausbeutung. Ausbeutung heißt willkürliche Verletzung von Interessen. Pflanzen-Interessen kennen wir nicht, können sie also auch nicht willkürlich verletzen; wir können Pflanzen also auch nicht ausbeuten. Tier-Interessen kennen wir; wir können also Tiere ausbeuten, und wir tun dies, wenn wir uns von ihrem Fleisch ernähren, solange Pflanzen genug da sind. Solange wir selbst ausbeuten, verwirken wir damit das Recht, von anderen zu verlangen, daß sie uns nicht ausbeuten. Wir hören damit also auf, Sozialisten zu sein. Wer die Forderung der ausbeutungsfreien Gesellschaft ehrlich zu Ende denkt, wird Vegetarier.“[6]
  1. Tiere sind empfindungsfähige Lebewesen, die aus sich heraus Rechte besitzen. Da sie jedoch nicht in der Lage sind, diese Rechte einzufordern, bedürfen sie des Schutzes der Gesellschaft.
  2. (Massen-)Tierhaltung ist von Menschen gemacht. Sie existiert nicht im leeren Raum, sondern ist ökonomisch, politisch und gesellschaftlich gewachsen. Sie ist zu hinterfragen und kann von Menschen auch wieder beendet werden.
  3. Die agrarischen Anstrengungen hin zu einer gewaltfreien Landwirtschaft sind enorm. Wir müssen so früh wie möglich in die Forschung einer tierfreien Landwirtschaft investieren und tierleidfreie Höfe unterstützen.
  4. Das Motto der Tierfabrikenindustrie lautet: “Der Anderen Tod ist unser Brot“. Folglich kann das Argument der Arbeitsplatzsicherung für uns als Jungsozialist*innen kein unmittelbares Argument sein. Gleichwohl sind die Menschen in ihren prekären Jobs in den Tierfabriken in keinster Weise zu bestrafen. Sie müssen daher durch Umschulungen und finanzielle Hilfe solange unterstützt werden, bis sie andere Jobs gefunden haben.
  5. Individuen sollten ihre Gründe für ihren Tierkonsum hinterfragen. Dieser Reflektionsprozess ist zu unterstützen. Allerdings darf Individuen kein moralischer Vorwurf für ihre Konsumeinstellungen gemacht werden.
  6. Es ist schwer aus mächtigen Einflüssen seiner Sozialisierung und der Werbung auszubrechen und gelingt wohl nur partiell. Dennoch halten wir Konsumgewohnheiten grundsätzlich für von Menschen gemacht und somit änderbar.
  7. Empfindungsfähige Tiere werden auf engstem Raum eingesperrt, ihre Nahrung, Bewegung und auch die Dauer ihres Lebens werden ökonomisch bestimmt. Der Konsum von Tieren kann keine Privatsache sein, weil massiv in das Leben anderer eingegriffen wird.
  8. Ansatzpunkt jungsozialistischer Tierrechtsarbeit und Tierbefreiungsarbeit muss daher neben theoretischen Reflektionen sein, die politischen Barrieren für Alternativen einzureißen und die Produktion und den Konsum von Tieren zu verringern.
  9. Antiemanzipatorische Ansätze müssen auch in dieser gesellschaftlichen Auseinandersetzung bekämpft werden.
  10. Gewalt an Tieren ist begründungspflichtig, aber nicht begründungsfähig. Wir wollen einen Einstieg in den Ausstieg.
  11. Wer die menschliche Gesellschaft will, muss auch die Ausbeutung von Tieren überwinden.

[1] Hartmut Kiewert    http://hartmutkiewert.de/2011/03/interview-fur-robin-wood/

[2] Fleischatlas 2016 https://www.bund.net/fileadmin/bundnet/publikationen/landwirtschaft/160113_bund_landwirtschaft_fleischatlas_regional_2016.pdf

[3] Ebenda.

[4] Ebenda.

[5] Die Vivisektion des Proletariats (1881),    https://www.marxists.org/deutsch/archiv/kautsky/1881/10/vivisektion.htm

[6] Willi Eichler: Sogar Vegetarier?    http://sozis-tiere.de/files/Sogar_Vegetarier-Willi_Eichler-ISK-1926.pdf

[7] Hartmut Kiewert     http://hartmutkiewert.de/2011/03/interview-fur-robin-wood/