G4 Single Women – eine feministische Betrachtung von Beziehungskonzepten Kindern und Selbstbestimmung

Status:
(noch) nicht behandelt

Status ungeklärt?

Single sein, eine Gegebenheit, die in unserer heutigen Gesellschaft immer häufiger vorkommt. Die Scheidungsrate liegt in Deutschland bei etwa 40% (Quelle: Statistisches Bundesamt) und Singleplattformen gibt es zahllose.

Die feministische Betrachtung vom Single sein und Beziehungskonzepten, abseits von monogamen zweier Beziehungen fällt aber oftmals hinten runter und ist nicht bzw. nur kaum in der (feministischen) Debatte vertreten. Frauen* spielen für die Politik vor allem als Mütter und Ehefrauen eine Rolle. Diejenigen, die nicht in dieses Muster fallen, sind vor allem in der Diskussion kaum sichtbar. Das müssen wir ändern!

 

Single?

Single sein in unserer Gesellschaft wird für Frauen* ab einem gewissen Alter mit Scheitern verknüpft. Es ist ein Makel, der zum Teil ganz offen thematisiert wird. Frauen* werden bemitleidet. Das Motiv einer erfolgreichen Junggesellin passt bei Frauen* nicht. Männer hingegen können auch in fortgeschrittenem Alter unbehelligt Single sein, ohne dafür von allen schief angeguckt zu werden. 

Diese Gegebenheit ist nur ein Auswuchs von vielen des Patriarchats, dennoch kein belangloser. Denn der Druck, der auf Single Frauen ausgeübt wird, sowohl im privaten, als auch beruflichen Kontext, geht uns alle an! Dieser Druck ist äußerst sexistisch und veranschaulicht unsere patriarchale Gesellschaft sehr gut: Frauen können nicht allein sein, sie brauchen einen starken Partner an ihrer Seite. Sie brauchen jemanden, um den sie sich liebevoll kümmern können, genauso wie sie jemanden brauchen, der sich um sie kümmert. Gesellschaftliche Stereotypen werden heute noch genauso reproduziert, wie schon vor Jahrzehnten: eine Frau braucht einen Mann, der sie unterstützt, unter anderem auch in finanzieller Hinsicht.

Beruflich erfolgreiche Single Frauen werden dabei doppelt benachteiligt. Sie werden nicht als erfolgreich gefeiert, sondern es wird eher gefragt, ob das jetzt alles sei, wo denn  Mann und Kinder seien und warum sie sich so sehr auf die Karriere konzentriere, anstatt darauf, eine Familie zu gründen. Wieder eine zutiefst sexistische Verhaltensweise, die Frauen zu Gebärmaschinen und Ehefrauen degradiert. Ganz praktisch sichtbar wird dies auch in unserer Sprache. Während eine Frau, die sich sehr auf ihren Job fokussiert “Karrierefrau” genannt wird, gibt es das Pendant dazu für einen Mann einfach nicht.

 

Sexuelle Freiheit?

Sexuelle Freiheit bedeutet, Sexualität ohne gesellschaftliche Normen und Zwänge ausleben zu können, soweit anderen dadurch nicht geschadet wird. Auch wenn sich in den vergangen Jahrzehnten schon vieles in eine positive Richtung für Frauen entwickelt hat, gibt es auch im 21. Jahrhundert immer noch viele Normen für weibliche Sexualität, sowie einen Abgrund aus Scham und Beschämung, in den Frauen leicht abrutschen können. Denn über weibliche Sexualität wird nach wie vor hart geurteilt. Dies gilt auch für Single Frauen. Dabei ist es egal, ob eine Single-Frau häufig wechselnde Sexualpartner*innen hat, oder keine. Beides wird oft kritisch beäugt. Auch im Bezug auf Single-Frauen sollte für uns gelten, was für alle Menschen gilt: vorurteilsfreie Anerkennung einer Bandbreite an sexueller Diversität, und zwar unabhängig von unseren persönlichen Vorlieben, Lebensphasen und -entwürfen.

 

Frauen*körper?

Aufgrund der neuen Medien hat sich auch der Blick, vor allem auf weibliche Körper, verändert. Sie werden noch kritischer von außen und auch von einem selbst beäugt, da in den verschiedenen Social Media ein immer gleiches Bild von weiblichen Körpern gezeigt und propagiert wird. Gerade erfolgreiche Accounts vieler weiblicher Influencerinnen suggerieren, dass man nur schlank erfolgreich sein kann und dass ein durchtrainierter Körper etwas Selbstverständliches für Frauen* ist. Wer dieser selbst auferlegten Norm nicht entspricht, muss damit rechnen, hinterfragt zu werden. Ist jemand „zu dick“ gilt man als undiszipliniert, wer „zu dünn“ ist, hat psychische Probleme. Es geht darum, diesen einseitigen Blick auf weibliche Körper zu hinterfragen, abzulehnen und zu verhindern.

Prinzipiell sind alle Frauen* von diesem Druck betroffen. Single Frauen* werden jedoch noch zusätzlich mit Sätzen wie “Ist ja klar, dass die noch Single ist” bedacht, wenn ihre Körper nicht in dieses Körperbild passen.

Hier spielt dann oft eine krude Mischung aus Sexualität und Körperbild eine Rolle. Frauen* sollen “fuckable”, also sexy und verfügbar sein. Als fuckable gesehen zu werden, ist noch immer der höchste Wert einer Frau*. Eine der Aufgaben einer Frau* in einer patriarchalen Gesellschaft, die Single Frauen* noch zusätzlich belastet und oft als einer der Gründe angeführt wird, warum eine Frau* Single sei.

 

Ohne Kinder?

Der Begriff der Kinderlosigkeit ist negativ konnotiert und weist auf einen Makel hin. Auch hier werden wieder sexistische Stigmen deutlich. Frauen* werden ab einem bestimmten Alter, das Außenstehende als Angemessen deklarieren, um Kinder zu gebären, immer wieder mit Fragen wie “Und wann planst du (endlich) Kinder zu bekommen?” gelöchert. Und das oftmals nicht nur in einem privaten Kontext, sondern auch beruflich. Frauen* um die 30 müssen sich oft die Fragen der Familienplanung über sich ergehen lassen. Sei es (illegaler Weise) in Bewerbungs Kontexten oder in anderen beruflichen Kontexten.

Einen besonders krassen Fall stellen dabei Frauen* dar, die bewusst kinderlos sind, da diese mit völligem Unverständnis behandelt werden. Was viele nicht respektieren: Eine Frau zu sein bedeutet nicht einen angeborenen Kinderwunsch zu haben. Deutlich wird dies auch oft im Zuge von angestrebten Sterilisationen. Hier werden Frauen häufig von Ärzt*innen bevormundet, die den Frauen ins Gewissen reden und unterstellen, irgendwann werde sie schon Kinder wollen und diese Entscheidung bereuen.

Die Grenzüberschreitung, die Frauen ohne Kinder immer wieder erfahren machen sprachlos. Es wird sich ganz konkret danach erkundigt, wann es denn endlich so weit sei und es wird darauf hingewiesen, dass man ja auch nicht unendlich viel Zeit hätte. Dieses bloße Abstellen auf die Gebärfähigkeit von Frauen und ihre Rolle als Mutter ist sexistisch und überholt.

 

Kinderwunsch?

Probleme für Single-Frauen gibt es jedoch auch in umgekehrter Richtung. Genauso wie es alleinstehende Frauen ohne Kinderwunsch gibt, so gibt es selbstverständlich auch Frauen* ohne einen Mann, aber mit Kinderwunsch. Eine künstliche Befruchtung wäre eine Möglichkeit auch Single-Frauen ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Jedoch sieht man anhand dieses Beispiels, wie veraltet und überholt Familienbilder auch heute noch sind, denn künstlich befruchten lassen kann sich nur eine Frau*, die in einer heterosexuellen Ehe lebt. Eine Ansicht, die nicht nur für lesbische Paare eine Diskriminierung darstellt, sondern  auch für Single-Frauen* Symbolkraft hat: Eine Familie kann nur vollständig sein, wenn sie einen Mann beinhaltet. Ob Frauen* alleine ein Kind großziehen wollen und können, sollte nichts mit ihrem Beziehungsstatus zu tun haben.

 

Im Alter allein?

Eine weitere Grenzüberschreitung die Single Frauen* widerfährt, ist die Frage, ob nicht die Angst bestehen würde im Alter allein zu sein. Das Fehlen wird dabei partner*innenschaftlicher Beziehungen im Alter wird mit Einsamkeit verknüpft.  Dem zugrunde liegt oftmals, die irrige Vorstellung, dass Frauen* nur innerhalb einer Partnerschaft mit leiblichen Kindern Glück, Erfüllung grundlegender soziale Bedürfnisse und Liebe erfahren können. Die Gesellschaftliche Vorstellung scheint zu sein, dass schlussendlich auch eine toxische Beziehung besser sei als im Alter alleine zu sein. Hinzu kommt die Vorstellung, dass insbesondere eigene Kinder eine “Versicherung” gegenüber Einsamkeit im Alter darstellen würden. 

Dabei sollte klar sein, dass Lebensmodelle auch im Alter vielfältig sind. Ob selbst gewähltes soziales Netzwerk, Partner*innen, Freund*innen oder anderes – kein Lebensmodell ist dem anderen überlegen. Partner*innenlosigkeit und Kinderlosigkeit ist nie – auch im Alter – ein Makel.

Klar ist auch, dass Einsamkeit im Alter jede*n betreffen kann. Hier muss eine gesellschaftliche Diskurs Verschiebung stattfinden. Anstatt Frauen* durch gesellschaftliche Zwänge in (toxische) Partner*innenschaften zu drängen, sollten wir uns fragen, wie wir mit möglicher Einsamkeit im Alter als Gesellschaft umgehen wollen.

 

Und all das im Kapitalismus?

Das Single sein in unserer Gesellschaft einen Makel, vor allem für Frauen* darstellt, hat auch die Wirtschaft gemerkt. Es gibt nicht nur endlos viele Single Plattformen, auf denen man auch viel Geld lassen kann, es gibt auch Single Partys, Single Urlaube und Fitnessprogramme. Alles mit dem Ziel, danach endlich weniger allein zu sein.

Problematisch wird dieser Ansatz der Vermarktung vor allem dann, wenn er wieder um Körperkult geht. Der Druck, der hier auf Frauen* jeglichen Alters durch die Beauty- und Pflegeindustrie angefeuert wird, ist zutiefst sexistisch und zerstörerisch. Denn das Ergebnis ist oft kein “schönerer” Körper, was auch immer das sein soll, sondern ein zerstörtes und problematisches Verhältnis zu ebendiesem. Es geht nur darum, anderen zu gefallen und auf diese attraktiv zu wirken. Frau* sein, das wird schon jungen Mädchen beigebracht, hat mit viel harter Arbeit und Geld zu tun.

Wenn man dann noch Single ist, kommt ein zusätzlicher “gesellschaftlicher Makel” dazu, der durch den Kapitalismus schamlos ausgenutzt wird. Schönheitsoperationen wie die Veränderung der Vulvalippen werden mittlerweile tausendfach durchgeführt und Dating Apps verzeichnen Rekordumsätze.

 

Und jetzt?

Wir sollten endlich aufhören, unser (veraltetes) Familienbild anderen, vor allem Frauen, aufdrücken zu wollen. Es muss ein Umdenken geben. Single Frauen sind kein Makel.

Wir müssen endlich anerkennen, dass Frauen* nicht gleichzeitig Mütter sind. Es gibt genug Frauen* die keine Kinder haben wollen, aber auch solche, die keine bekommen können. Es muss ein Umdenken erreicht werden. Wir müssen anerkennen, dass Frauen* ohne Kinder oder Partner*innen im Alter weder unglücklich noch unvollständig sind.

Um das zu erreichen muss auch ein sprachliches Umdenken gelingen. Begriffe wie “Karrierefrau” oder andere sexistische Redewendungen müssen kritisch hinterfragt und gemieden werden, denn ein gesellschaftlicher Wandel beginnt auch in der Sprache.

Begründung:

Erfolgt mündlich